Dietrich Bonhoeffer: Wolfgang Huber, Ex-Bischof und Ex-VDSter, beschweigt Korporationen

By | 16. Oktober 2020

Wolfgang Huber legt eine neue Biographie über Dietrich Bonhoeffer vor – mit Stärken, aber mit einem peinlichen Schwachpunkt. Der Ex-Korporierte Huber schweigt weitestgehend zur Mitgliedschaft Bonhoeffers im Tübinger „Igel“.

Viel Theologie, Versagen bei Studentengeschichte: Wolfgang Hubers neues Bonhoeffer-Buch

Den Weg in die innere, geistige Freiheit hat der aus Breslau stammende Theologe Dietrich Bonhoeffer so nachdrücklich gewiesen wie kaum ein zweiter – den Weg zur Freiheit vom Nationalsozialismus, von dieser besonders schrecklichen Form des Sozialismus. „Nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit.“ Das war sein Credo. Dorthin gelangt ist er in dieser Welt auf ganz stille und doch so wirksame Weise: in der Gefangenschaft. Als Prediger für seine Mithäftlinge ebenso wie für seine Bewacher und Folterer von Gestapo und SS. Erschüttert stehen wir auch heute vor seinem Schicksal.

Der Weggefährte Eberhard Bethge hat ein epochales Werk über Bonhoeffer geschrieben, vor zwei Jahrzehnten bereits be­gann dann Wolfgang Huber, sich mit dem großen Theologen zu befassen. 2011 setzte der US-amerikanische Autor und Radiomoderator, der sehr profilierte Medienmann Eric Metaxas eine weitere, wichti­ge Wegmarke zum Verständnis Bonhoeffers. Damit war Bonhoeffer eigentlich für die heutige Genration erklärt, doch nun wollte sich auch der Theologe Huber an einer Biographie versuchen. Vor der Frage, wie er mit dem Korpo­rier­ten umgeht, der Bonhoeffer zweifelsohne war, soll daher auf die Theologie eingegangen werden. Der Autor würdigt dabei Bonhoeffers geistliches Werk ausführlich und kundig – aber das war nicht anders zu er­warten. Über Bonhoeffer resümiert es: „Es lohnt sich, sein Den­ken vor dem Hintergrund seiner Lebensgeschichte zu betrachten.“

Bonhoeffer-Mahnmal in seiner Heimatstadt Breslau….

Huber hatte sich der großen Aufgabe gestellt, den aus dem schlesischen Breslau stammenden Bonhoeffer und seine Theologie zu erfassen. Dies ist recht gut gelungen. Mit dem sicherem Blick des Kundigen stellt Huber dar, was an Bonhoeffers Theologie wichtig und zentral ist, zugleich umreißt er auch die enorme Weite, die gedankliche Tragweite des Bonhoefferschen Denkens – so wollte dieser nach Indien reisen, um Mahatma Gandhi zu treffen und von ihm zu lernen. Huber führt aus: „Der christliche Glaube wird am Maßstab des neuzeitlichen Wahrheitsbewusstseins geprüft, dieses Wahrheitsbewusstsein aber ebenso am christlichen Glauben. Dieser Prozess der doppelten Kritik wird auf die Frage angewandt, was der christliche Glaube für Gegenwart und Zukunft bedeutet.“ (S. 37) In diesem Zusammenhang zieht Huber eine klare theologische Linie von Bonhoeffer zur Theologie des deutschen Papstes Benedikt XVI.; bei beiden findet er die Aussage, dass die Evangelien ausschließlich unter der Voraussetzung verstanden werden können, dass Jesus der Χρήστος – also wirklich Gott – ist. (S. 125)

Huber ist sehr sorgfältig, was die einzelnen Aspekte von Bonhoeffers Theologie angeht. Auch die kritische Diskussion um die umstrittenen Ausführungen zu den „Judenchristen“ und einer „judenchristlichen“ Kirche erspart der Autor weder sich noch dem Leser. Diese judenchristliche Kirche sieht Bonhoeffer im Gegensatz zu einem paulinisch geprägten Christentum stehend, weil sie eine Voraussetzung für die Taufe vorsieht – und die hier erkennbare Parallele zu den Deutschen Christen ließ Bonhoeffer für einige Kritiker ins Zwielicht rücken, obwohl der Theologe diese Praxis doch ausdrücklich kritisiert (S.81). Huber berichtet völlig korrekt, daß Bonhoeffer sogar die bloße Frage, ob Juden die gleichen Rechte haben sollten wie Christen, zu einem „Bekenntnisfall“ für die Kirche machen wollte (S. 79); so klar erschien es ihm, daß natürlich die gleichen Rechte vorhanden sind.

… mit deutscher Inschrift.

Doch wo bei der Bearbeitung der theologischen Aspekte die kundige Hand erkennbar ist, bleibt Huber erstaunlich stumm, wenn es um die Tatsache geht, daß Bonhoeffer korporiert war. Nur in einem einzigen Halbsatz erwähnt Huber Bonhoeffers Zugehörigkeit zur Ver­bindung „Igel“ in Tübingen (S. 44), doch das ist zu knapp, um den Autor vom Vorwurf der Unterschlagung einer wichtigen Lebensstation Bonhoeffers zu befreien; ohne erkennbaren Zusammen­hang folgt dann ein Bild der Aktiven des „Igel“ – Bon­hoeffer ist immerhin mit­tendrin zu sehen (S. 45), er war, glaubt man der Darstellung, dort beileibe kein Außenseiter. Huber läßt hier die nebeneinander liegenden Fak­ten schlichtweg unbearbeitet. Das ist nur mit eklatanter Feigheit erklärlich, war Huber doch ab 2000 Mitglied des VDSt Berlin-Charlottenburg, um diese dann bereits 2003 zurückzugeben – pa­rallel zur Übernahme des Ratsvorsitzes der EKD. Und das ist wahrlich mehr als peinlich, denn er muß wissen, was es mit dem „Igel“ auf sich hat

In puncto Mißachtung des „Igel“ disqualifiziert Huber sich, und – Pech für ihn – er bleibt weit zurück hinter der vor acht Jah­ren erschienenen Bonhoeffer-Bio­graphie von Eric Metaxas. Die­ser hat sich 2011 in einem eigenen Kapitel in vorbildlicher Form um Objekti­vität bemüht und die Bedeutung der Erziehung und Aktivität im „Igel“ in eine sinnvolle Relation zum späteren Wir­ken Bonhoef­fers gesetzt, Nicht irritieren sollte bei Metaxas, daß er nicht klar zwischen dem „Igel“ und einer „Bur­schenschaft“ unterscheidet. Wenn man die schäbige Erwähnung bei Huber bedenkt, ist ihm auch heute noch hoch anzurechnen, daß er sich abso­lut vorurteilsfrei mit Bonhoeffers Verbindungs­zugehörigkeit be­schäftigt – so, wie das ein Huber auch hätte tun können. Wenn er nur zu seinen Farben gestanden hätte.

Wo Huber also patzt, kennzeichnete Metaxas völlig zutref­fend Bonhoeffers Akademische Verbindung, die 1871 gegründet wurde, als eine, in die mit deutlich erkennbarer, aber geistreicher Ironie dem wilhelminischen Zeitgeist den Spiegel vorgehalten wurde, denn die „Igel“ trugen – und tragen – die Spottfarben schwarzgrau-silbergrau-mausgrau: eine Persi­flage auf die mit­unter hypertrophe Farbenwelt der Korporationen in der wilhel­mi­nischen Ära. 1920 hatten der „Igel“ die Satisfaktion mit der Waffe abgeschafft; Bonhoeffer stand also nie auf Mensur.

1935, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten und der Gleichschaltung von immer mehr Verbänden, von der auch der „Igel“ betroffen war, sollte Bonhoeffer aus Protest sein Band niederlegen. Dies ist im Zusammenhang mit der absolut gradlinigen Haltung des Theologen und seiner Tätigkeit im Wi­derstand zu sehen. Entscheidend dafür, Bonhoeffer auch heu­te als Korporierten anzusehen, ist aber die Tatsache, daß er über­haupt aktiv war: in einem noch keinesfalls von NS-Umtrieben berührten „Igel“. Huber hat hier einen Punkt unbearbeitet gelas­sen, was die Frage aufwirft, ob er sich um die Benennung der bedeutenden Schnittmenge zwischen Theologie und Korpora­tionswesen herumdrückt. Oder ob er sich sogar von einem ein­seitig verbindungsfeind­li­chen Weltbild seiner Partei, der SPD, leiten ließ. Wie auch immer – er erkannte auf diese Weise auch die Klammer nicht, die zwischen studen­tischer Gemeinschaft und christlicher Gemeinde existiert. Dabei schreibt Huber selbst über den späten Bonhoffer: „Dieses Für-an­dere-da-Sein ist das grund­legende Geschehen in einer Kirche, in der Christus als Ge­meinde existiert.“ (S. 73) Nichts anderes als dieses Miteinander ist es aber, das den „Igel“ eben­so auszeichnet wie jede andere akademische Verbindung.

Leider versagt Hubers Urteilskraft also im Bezug auf die Be­deutung, die Bonhoeffers Mitgliedschaft im Tübinger „Igel“ für ihn als Theologen – und auch als Widerstandskämpfer – hat. Gleichwohl ist dieses Buch in manch anderem As­pekt klug, kenntnisreich und zugleich überaus flüssig ge­schrie­ben. Ein Lebensbild, das uns den Theologen Bonhoeffer zeitge­mäß näher­bringt. Schön wäre es indes gewesen, wenn dies auch über die leider fehlenden Anmerkungen Hubers zum Korporierten Bon­hoeffer hätte gesagt werden können. So bleibt das Fazit, daß die Bonhoeffer-Bio­graphie, die Eberhard Bethge schon vor über 60 Jahren aus dem Erleben schrieb, auch das gültige Referenzwerk über den großen Theologen und Mär­tyrer des 20. Jahrhunderts bleibt. Der insge­samt sehr respektable Metaxas-Band hat seinen Platz daneben. Für Hubers knappes, über­schaubares Werk sollte, auch wenn es für Korporierte unbe­frie­digend ausfällt, zumindest bei theologisch interessierten Lesern ein Plätzchen neben den beiden zweifelsohne wichtigeren Bänden von Bethge und Meta­xas zu finden sein.

Sebastian Sigler

Wolfgang Huber, Dietrich Bonhoeffer – Auf dem Weg zur Freiheit, München 2019, 336 Seiten, gebunden, 25 Abb. s/w; 26,95 Euro.

Vergleichswerk: Eric Metaxas, Bonhoeffer. Pastor, Agent, Märtyrer, Prophet, Holzgerlingen 2011²; 744 Seiten, gebunden, Lesefaden, zwei Bildteile s/w, zahlr. Abb.; 29,95 Euro.