Dietrich Bonhoeffer: auf dem Weg in die Freiheit

By | 16. Dezember 2019

Wolfgang Huber legt neue Biographie vor – mit Stärken und einem Schwachpunkt

Viel Theologie, wenig Studentengeschichte: Wolfgang Hubers neues Bonhoeffer-Buch

Den Weg in die innere, geistige Freiheit hat der aus Breslau stammende Theologe Dietrich Bonhoeffer so nachdrücklich gewiesen wie kaum ein zweiter – den Weg zur Freiheit vom Nationalsozialismus, von dieser besonders schrecklichen Form des Sozialismus. „Nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit.“ Das war sein Credo. Dorthin gelangt ist er selbst nur sehr unvollkommen und doch so wirksam. Erschüttert stehen wir auch heute vor seinem Schicksal.

Der Weggefährte Eberhard Bethge hat ein epochales Werk über Bonhoeffer geschrieben, vor zwei Jahrzehnten bereits be­gann dann Wolfgang Huber, sich mit dem großen Theologen zu befassen. 2011 setzte der Medienmann Eric Metaxas eine weitere, wichti­ge Wegmarke zum Verständnis Bonhoeffers – und nun war wieder der Theologe Huber am Zug. Vor der Frage, wie er mit dem Korpo­rier­ten umgeht, der Bonhoeffer zweifelsohne war, soll daher auch auf die Theologie eingegangen werden. Der Autor ist wahrlich vom Fach, und er würdigt Bonhoeffers Werk ausführlich und kundig – das war nicht anders zu er­warten. Über Bonhoeffer resümiert es: „Es lohnt sich, sein Den­ken vor dem Hintergrund seiner Lebensgeschichte zu betrachten.“

Huber hatte sich der großen Aufgabe gestellt, Bonhoeffer und seine Theologie zu erfassen. Dies ist, der positive Eindruck sei schon jetzt mitgeteilt, recht gut gelungen. Mit sicherem Blick stellt Huber dar, was an Bonhoeffers Theologie wichtig ist, aber er umreißt auch die enorme Weite des Bonhoefferschen Denkens – so wollte dieser nach Indien reisen, um Mahatma Gandhi zu treffen und von ihm zu lernen. Huber führt aus: „Der christliche Glaube wird am Maßstab des neuzeitlichen Wahrheitsbewusstseins geprüft, dieses Wahrheitsbewusstsein aber ebenso am christlichen Glauben. Dieser Prozess der doppelten Kritik wird auf die Frage angewandt, was der christliche Glaube für Gegenwart und Zukunft bedeutet.“ (S. 37) Besonders aufschlußreich ist es in diesem Zusammenhang, dass Huber eine klare theologische Linie von Bonhoeffer zu Papst Benedikt XVI. zieht. Beide Theologen haben die These vertreten, dass die Evangelien nur unter der Voraussetzung verstanden werden können, dass Jesus der Christus – also Gott – ist. (S. 125)

Huber ist sehr sorgfältig, was die einzelnen Aspekte von Bonhoeffers Theologie angeht. Auch die kritische Diskussion um die umstrittenen Ausführungen zu den „Judenchristen“ und einer „judenchristlichen“ Kirche erspart der Autor weder sich noch dem Leser. Diese judenchristliche Kirche sieht Bonhoeffer im Gegensatz zu einem paulinisch geprägten Christentum stehend, weil sie eine Voraussetzung für die Taufe vorsieht – und die hier erkennbare Parallele zu den Deutschen Christen ließ Bonhoeffer für einige Kritikers ins Zwielicht rücken, obwohl der Theologe diese Praxis doch kritisiert (S.81) und sogar die Frage, ob Juden die gleichen Rechte haben sollten wie Christen, zu einem „Bekenntnisfall“ für die Kirche machen wollte. (S. 79)

Doch wo bei der Betrachtung der theologischen Aspekte die kundige Hand erkennbar ist, bleibt stumpfes Unverständnis, wenn es um die ebenso zu Bonhoeffer gehörende Tatsache geht, daß er korporiert war. Immerhin erwähnt Huber Bonhoeffers Zugehörigkeit zur Verbindung „Igel“ in Tübingen. Dies aber nur mit einem einzigen Halbsatz. (S. 44); wie aus dem Zusammenhang gerissen folgt auf der Folgeseite ein Bild der Aktiven des „Igel“ – Bonhoeffer mittendrin (S. 45). Dies Bild sagt uns sehr viel. Huber aber kann an dieser Stelle inhaltlich nicht in die Tiefe gehen, er wirkt mit diesem Aspekt in Bonhoeffers Biographie schlichtweg überfordert.

In puncto „Igel“ bleibt Huber damit weit zurück hinter der vor acht Jahren erschienenen Bonhoeffer-Biographie von Eric Metaxas. Dieser – Metaxas also – hat sich in einem eigenen Kapitel in bis dahin nicht gesehener Form um Objektivität bemüht und darin auch die Bedeutung der Erziehung und Aktivität im „Igel“ in eine sinnvolle Relation zum späteren Wirken Bonhoeffers gesetzt, Nicht irritieren soll bei Metaxas, dasss er nicht klar zwischen dem „Igel“ und einer Burschenschaft unterscheidet. Wenn man die bloße Erwähnung bei Huber bedenkt, ist ihm allerdings auch heute noch hoch anzurechnen, daß er sich absolut objektiv und vorurteilsfrei mit Bonhoeffers Verbindungszugehörigkeit beschäftigt – ganz so, wie das Huber auch hätte tun können. Dem nun vorliegenden Werk hätte es gutgetan.

Wo Huber also patzt, kennzeichnete Metaxas völlig zutreffend Bonhoeffers Akademische Verbindung, die 1871 gegründet wurde, als eine, in die mit deutlich erkennbarer, aber geistreicher Ironie dem wilhelminischen Zeitgeist den Spiegel vorgehalten wurde, denn die „Igel“ trugen – und tragen – die Spottfarben schwarzgrau-silbergrau-mausgrau: eine Persi­flage auf die mitunter hypertrophe Farbenwelt der Korporationen in der wilhel­mi­nischen Ära. 1920 hatten der „Igel“ die Satisfaktion mit der Waffe abgeschafft; Bonhoeffer stand also nie auf Mensur.

1935, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten und der Gleichschaltung von immer mehr Verbänden, von der auch der „Igel“ betroffen war, sollte Bonhoeffer aus Protest sein Band niederlegen. Dies ist im Zusammenhang mit der absolut gradlinigen Haltung des Theologen und seiner Tätigkeit im Widerstand zu sehen. Entscheidend dafür, Bonhoeffer auch heute als Korporierten anzusehen, ist aber die Tatsache, daß er überhaupt aktiv war: in einem noch keinesfalls von NS-Umtrieben berührten „Igel“. Huber hat hier einen Punkt unbearbeitet gelassen, was die Frage aufwirft, ob er nicht um die bedeutende Schnittmenge zwischen Theologie und Korporationswesen weiß. Oder ob er sich sogar von einem generell ideologisch gefärbten, einseitig verbindungsfeindlichen Weltbild in der Partei, die seinen politischen Hintergrund darstellt, leiten ließ – von der SPD. Wie auch immer – er erkannte auf diese Weise auch die Klammer nicht, die zwischen studentischer Gemeinschaft und christlicher Gemeinde existiert. Dabei schreibt Huber selbst über den späten Bonhoffer: „Dieses Für-andere-da-Sein ist das grundlegende Geschehen in einer Kirche, in der Christus als Gemeinde existiert.“ (S. 73) Nichts anderes als dieses Miteinander ist es aber, das den „Igel“ eben­so auszeichnet wie jede andere akademische Verbindung.

Leider versagt Hubers Urteilskraft also im Bezug auf die Be­deutung, die Bonhoeffers Mitgliedschaft im Tübinger „Igel“ für ihn als Theologen – und mittelbar auch als Widerstandskämpfer! – hat. Gleichwohl ist dieses Buch betreffend manch anderen As­pekt klug, kenntnisreich und zugleich überaus flüssig ge­schrie­ben. Ein Lebensbild, das uns den Theologen Bonhoeffer  zeitge­mäß näherbringt. Schön wäre es, wenn dies auch über Hubers Arbeit zum Korporierten Bonhoeffer hätte schreiben können. So bleibt das Fazit, daß die Bonhoeffer-Bio­graphie, die Eberhard Bethge schon vor über 60 Jahren aus dem Erleben schrieb, auch das gültige Referenzwerk über den großen Theologen und Mär­tyrer des 20. Jahrhunderts bleibt. Der insge­samt sehr respektable Metaxas-Band hat seinen Platz direkt daneben. Für Hubers knappes, über­schaubares Werk sollte, auch wenn es für Korporierte unbe­frie­digend ausfällt, aber immerhin auch ein Plätzchen neben den beiden großen Bänden zu finden sein. Viele Leser greifen – Schwachpunkt hin oder her – offenbar auch zum neuen Huber-Buch, der Autor ist schließlich promi­nent. Immerhin ist das Werk schon im Erscheinungsjahr in die zweite Auflage gegangen. Sebastian Sigler

Wolfgang Huber, Dietrich Bonhoeffer – Auf dem Weg zur Freiheit, München 2019, 336 Seiten, gebunden, 25 Abb. s/w; 26,95 Euro.

Vergleichswerk: Eric Metaxas, Bonhoeffer. Pastor, Agent, Märtyrer, Prophet, Holzgerlingen 2011²; 744 Seiten, gebunden, Lesefaden, zwei Bildteile s/w; 29,95 Euro.