Budovisia Wien: wieder ein echter Seewann!

By | 16. Februar 2020

Prooemium

Bis zu ihrem Verbot durch die Nationalsozialisten gab es eine große Anzahl Freisinniger Verbindungen, die allezeit auch den Studenten jüdischen Glaubens offenstanden. Die meisten von ihnen waren Gründungen von Studenten jüdischen Glaubens. Nach 1945 war in aller Regel kein Aktivenbetrieb mehr möglich. Und wenn einige dieser Verbindungen in Österreich den Titel „Burschenschaft“ führten, dann ist darunter ein völlig anderer Typus einer Verbindung zu verstehen, als es von den deutschen Burschenschaften her bekannt ist. Hier handelte es sich um Vereinigungen, die naturgemäß jede religiöse Eingrenzung strikt ablehnten und die sich am korporativen Ideal der Jahre um 1815 wirklich ernsthaft zu orientieren versuchten, dabei aber selbstverständlich Satisfaktion gaben. Und zwar auf Säbel ebenso wie auf Schläger; zu diesem Zweck erklärten sie sich für „konservativ“. Den Titel „Burschenschaft“ führten sie also lediglich, um sich von krass antisemitischen Verbänden in Österreich – zum Beispiel dem „Burschenbund“ – abzugrenzen. Diese Begrifflichkeit war damit in Österreich gerade andersherum belegt als in Deutschland.

Das Wappen der Budovisia Wien

Die Akademische Burschenschaft Budovisia zu Wien, gegründet 1894 als „Vereinigung Budweiser Hochschüler“, war paritätisch. Sie widersetzte sich dem aus Antisemitismus gespeisten Waidhofener Prinzip und blieb ins Frühjahr 1938, bis zum Tag des Einmarsches der deutschen Wehrmacht in Österreich, für die Studenten jüdischen Glaubens ganz selbstverständlich zugänglich. Die im Jahre 1919 selbst gewählte Benennung „Burschenschaft“ erklärt sich angesichts der damaligen Lage. Im deutschen Reich sammelten sich die liberalen Verbindungen unter der Bezeichnung „Burschenbund“, doch in Deutschösterreich waren bereits mehrere antisemitisch  tendierende Dachverbände unter dieser Kategorisierung bekannt. So nannten sich Budovisia und im übrigen auch Fidelitas, Suevia und Constantia Wien als „ „Burschenschaft“. Eben damit dokumentierten sie den klaren Widerspruch zum Waidhofener Prinzip, mit dem schließlich der Antisemitismus im Verbindungswesen im Jahre 1896 zementiert worden war.

Der Wahlspruch der Budovisia war „Freundschaft, Freiheit, Ehre!“. Harald Seewann, der sicher bedeutendste Kenner des jüdischen Korporationswesens heutiger Tage, hat ihn als Titel für sein jüngstes Opus Magnum, das die Geschichte der Budovisia Wien dokumentiert, mit Bedacht und aus gutem Grund gewählt. Budovisia war „liberal“, sie gehörte bis zu ihrer zwangsweise erfolgten Auflösung durch den NS-Staat im Jahre 1938 dem religiös und politisch weltoffenen Burschenbunds-Convent an, kurz B.C., der mehrheitlich aus Verbindungen bestand, die im Deutschen Reich ihre Heimat hatten.

Kein Budovise lebt heute noch, ein Archiv ist nicht existent. Umso wichtiger war es, daß Harald Seewann sich der noch greifbaren Erinnerungsstücke – vor allem sind es schriftliche Zeugnisse – angenommen hat. In seinem neuen, weit über 500 Seiten starken Werk rekonstruiert er aus Akten, Zeitungsmeldungen, Archivalien und Einzelfundstücken die Geschichte der Budovisia. Er berichtet damit und auch in einem kurzen geschichtlichen Abriß sehr eindrücklich über ein Verbindungswesen, das den „seit den 1880er Jahren in der Studentenschaft aufgekommenen Antisemitismus“ aktiv – und durchaus auch mit Säbelforderungen – bekämpfte.  Der Autor selbst notiert, warum diese Veröffentlichung so wichtig ist: „Heute existiert in Österreich kein deutsch-freiheitliches Verbindungswesen mehr; dieses – insbesondere die hart erkämpfte Anerkennung Budovisiae als farbentragender waffenstudentischer Bund – in Erinnerung zu rufen, soll Aufgabe dieser Dokumentation sein.“

Ganz systematisch führt Harald Seewann seine Leser durch die Geschichte der Budovisia. Von der Gründung – die  wichtigsten diesbezüglichen Dokumente sind Kopie zu sehen – werden die Stationen durch die frühen Jahre als „Vereinigung Budweiser Hochschüler“ über die Zeit als „Deutsch-akademische Verbindung Budovisia“ bis hin zur Burschenschaftserklärung am 17. Oktober 1919 kurz nach dem Untergang der kaiserlichen österreichisch-ungarischen Monarchie aufgezeigt. Immer sind dabei die entsprechenden Belege im Bild zu sehen, erklärende Texte fehlen aber. Erst ab Seite 410 folgen dann schriftliche Ausarbeitungen. Es ist dabei der über Jahrzehnte hinweg andauernden, unermüdlichen Findigkeit und Sammeltätigkeit des Autors zu verdanken, daß diese Dokumentation überhaupt erstellt werden konnte. Das Kompendium zur Budovisia ist wie seine Vorgängerwerke – erinnert sei an die Dokumentation zur wohl bedeutendsten jüdischen Verbindung, der A. V. Kadimah – einzigartig. Es ist ein Archiv zwischen zwei Buchdeckeln.

Bemerkenswerte Stücke enthält dieses Archiv. Dazu gehört die ab Seite 163 abgedruckte Protestnote der Wiener Burschenschaft Olympia im Namen aller Wiener Burschenschaften vom 15. Juni 1920 „an den hohen akademischen Senat der Universität in Wien“ gegen die Umbildung der Budovisia, der Suevia und der Fidelitas in Burschenschaften; auf Seite 162 findet sich der entsprechende Eingangsvermerk, aus dem auch hervorgeht, daß die drei Beklagten am 8. Juli seitens des akademischen Senats vorgeladen wurden. Nachdem die Namen der drei liberalen Burschenschaften bekanntermaßen beibehalten werden konnten, ist evident, dass dieser Eingabe der örtlichen Vertreter der Deutschen Burschenschaft kein Erfolg beschieden war.

Auf den Seiten 230 bis 250 ist sehr aussagekräftig dokumentiert, wie der in Österreich errichtete NS-Staat die Burschenschaft Budovisia ins Visier nahm, das Vereinsvermögen erfragte und sehr bald schon einzog – und dabei auch ein Grundstück mit Badehütte an der Alten Donau nicht verschonte, dass die beiden Altherrenvertreter Arthur Modry und Erich Grünbaum hälftig auf sich übertragen hatten, um zumindest diesen Teil des Eigentums der Budovisia vor dem Zugriff der neuen Machthaber und die Übertragung an den NSDStB zu schützen. In den Monaten Mai bis Juli 1939 wurde hier jedoch unbarmherzig durchgegriffen, wie sich aus den gezeigten Dokumenten eindeutig ergibt.

Rein dokumentarischen Charakter hat dagegen die über 120 Seiten starke Wiedergabe der Paukbücher der Budovisia. Ab Seite 288 werden die handschriftlichen Aufzeichnungen über jede einzelne Contrahage im Faksimile wiedergegeben – das ist auch eine Art, die Ehrenfestigkeit der Wiener Budivisen zu dokumentieren. Und gewiss nicht die schlechteste.

Ab Seite 410 meldet der Autor sich dann selbst zu Wort. Er gibt, über Budovisia hinausblickend, einen Überblick „zur Geschichte des deutsch-freiheitlichen Korporationswesen in Wien“. In seinen Thesen und Darstellungen folgt er im wesentlichen dem großen Kenner des deutsch-freiheitlichen Verbindungswesens, Robert Hein, dessen Werk in der Studentengeschichte heutzutage kaum Beachtung findet. Dieser Aufsatz, dem der Autor wiederum eine Vielzahl von Quellen – auch im Faksimile – beigegeben hat, komplettiert diesen Band zu einer vollständigen Bestandsaufnahme in der causa Budovisia.

Seewann hat sich bei der Dokumentation der Methode der Xerographie bedient, die Abbildungen sind durchweg schwarz-weiß. Das bedeutet gegenüber den heutigen Möglichkeiten der Widergabe mittels elektronischer Datenverarbeitung einen Nachteil in der Qualität, und leider existieren damit auch keine Dateien, die eine originalgetreue Wiedergabe auch über das Internet ermöglichen würde. Hier ist zweifelsohne noch ein technischer Schritt zu gehen, aber die entscheidenden Informationen liegen dank Harald Seewann nun vor. Die Geschichte der Budovisia ist dem Vergessen entrissen. Darauf kommt es an. Die Studentenhistoriker aller Couleur sind dem Autor, der längst für seine Verdienste mit einem Professorentitel geehrt wurde, einmal mehr zu großem Dank verpflichtet. Sebastian Sigler

Seewann, Harald, „Freundschaft, Freiheit, Ehre!“ – Die Burschenschaft Budovisia im B.C. zu Wien (1894 – 1938) – Ein Beitrag zur Geschichte des deutsch-freiheitlichen Verbindungswesens in Wien, Graz 2019. 568 S., Klebebindung, Broschur. Zahlr. Dokumente im Faksimile, zahlr. s/w-Abbildungen im Text, 28 Euro zzgl. Versand; Bezug über Prof. Harald Seewann, Resselgasse 26, A – 8020 Graz.