Männer, Mythen und Mensuren – meisterhaft!

By | 26. März 2019

Corpsstudenten und Burschenschafter werden sich begierig auf die Lektüre des neuen Buches von Wolfgang Wippermann stürzen, allein schon wegen des Titels. Wer indes aus der genial gewählten Alliteration auf den Inhalt schließt, wird Überraschungen erleben. Dies Buch ist offenkundig ein Denkanstoß – und zwar sowohl für Korporierte als auch für die übrige Öffentlichkeit.

Der Titel, den Wippermann und der Osburg-Verlag für dieses Werk gewählt haben, ist provokant. Er mag diejenigen begeistern, die gute Erfahrungen mit Corps und Burschenschaften gemacht haben – und er könnte diejenigen befremden, die diese Form studentischer Gesellung ablehnen. Beide Gruppen werden das gewisse Pathos, das hier mitschwingt, möglicherweise völlig unterschiedlich empfinden. Wer Verbindungen ablehnt, mag sich wie in einer Schauergeschichte fühlen oder seine Vorurteile bestätigt sehen. Das tiefere Interesse derjenigen, die sich – aus ganz unterschiedlichem Blickwinkel – mit der Materie eingehender beschäftigt haben, wird indes den Schwerpunkten gelten, die Wippermann gesetzt hat. Enttäuscht wird dabei wohl niemand, egal, aus welcher Richtung kommend er dieses Buch in die Hand nimmt: das vorweg.

Und noch etwas vorweg: Wippermann selbst ist überzeugter Corpsstudent. Er befürwortet das Mensurwesen ebenso wie das studentische Brauchtum. Und er geht mit seiner Meinung völlig offen um – so, wie er das in anderen Werken auch tut. Explizit fragt er sich in diesem neuen Buch selbst, ob ihn seine Mitgliedschaft in gleich zwei Corps als Autor dieser Studie qualifiziere oder disqualifiziere. Nach der genaueren Betrachtung der drei Großkapitel und der angehängten, exemplarischen Lebensläufe wird diese Frage nochmals aufgeworfen.

Glasklare Unterscheidung

Corps und Burschenschaften – das sind, fragt man deren Mitglieder, zwei ganz verschiedene Welten. Wippermann weiß das, und das nutzt seinem neuen Buch enorm. Die Corps entstanden aus den alten Landsmannschaften, die eine ins Mittelalter gehende Wurzel haben, und den studentischen Freimaurerorden. Erziehung zu Humanismus und Toleranz – das haben sie von dort mitgebracht. Ganz im Gegensatz waren die Burschenschaften eine dezidiert politische Bewegung, die Freiheit und Gleichheit mit teils radikalen Methoden anstrebte. Das aber nicht für jedermann, sondern für die Angehörigen ihres eigenen Kulturkreises. Diese grundlegende Spannung im Verhältnis der beiden Großrichtungen im Korporationswesen, die ab 1815 Bestand hatte und noch hat, wäre schon Stoff genug für dieses Buch, doch es ist nur das erste von drei Großkapiteln – Korporierte erwartet hier eine klar und tragend formulierte Unterscheidung. Wer dem Verbindungswesen innerlich fernsteht oder sogar feindlich gesinnt ist, kann hier lernen, wie er zwischen den grundsätzlich verschiedenen Weltanschauungen differenzieren kann, die sich in der bunten Welt der Verbindungen herausgebildet haben.

Es ist dabei ein legitimer Kunstgriff, explicit diese beiden Dachverbände herauszugreifen. Sie sind und waren die beiden ältesten und zudem die exponiertesten Gruppen in einem ganzen Kosmos studentischer Verbindungen. An diesen beiden Polen des Korporationswesens orientierte sich alles, was Band und Mütze trug. Bei aller Eigenheit, von der auch einiges selbst postuliert ist, trifft das auch für den CV zu. Zugleich ist dieses Kapitel eine gelungene Grundlage, um zu erklären, was in den beiden Jahrhunderten, die auf die entstehende Kontroverse zwischen Corps und Burschenschaften folgte, geschah – besser: geschehen konnte. Bei der Lektüre wird schnell klar, dass nicht nur der Titel provokant ist. An einigen Stellen müssen Corpsstudenten und Burschenschafter die die Luft anhalten, denn die Schilderungen sind schonungslos, sie fordern geradezu Widerspruch und Diskurs heraus. Aber ist das schlimm?


Opulente Schilderung

Natürlich sind viele Schilderungen über Verbindungen aller Art von Mythen geprägt. Und so kommt Wippermann in seinem zweiten Großkapitel zu einer Schilderung der habituellen Verfasstheit der Korporationen. Höchst spannend ist es, zu lesen, wie er die typischen studentischen Sitten und Rituale in die Mentalitäts- und Geschlechtergeschichte einordnet. Wer das Mensurfechten strikt ablehnt, erfährt hier, warum es junge Männer gab und gibt, die dieses Ritual praktizieren. Wer selber auf Mensur stand, kann rückblickend erkennen, welche mentalen Treiber ihn dazu brachten, sich dem studentischen Milieu anzuschließen. Wippermann bescheinigt Corpsstudenten wie Burschenschafter, sie hätten „so etwas wie einen kulturellen Sonderweg eingeschlagen“.

Eine recht breit angelegte Schilderung widmet Wippermann dem Mensurwesen. Hier werden in dem einen oder anderen Punkt vielleicht nicht alle Fachleute seiner Meinung sein. Für Pistolenduelle postuliert er zum Beispiel eine klammheimliche Duldung durch die Behörden ab der Mitte des 19. Jahrhunderts. Hier könnte gefragt werden, ob nicht das Verbot potentiell tödlicher Duelle doch eher strikt war. Staatliche Kumpanei mit den Verbindungen – das ist schon eine steile These. Aber natürlich greift Wippermann die Haltung einer klandestinen Duldung von Duellen nicht völlig aus der Luft, denn es waren Personen, Individuen, die in den Ministerien sitzen mochten und vielleicht selbst auf Mensur gestanden hatten, die hier ein Auge zuzudrücken gewillt waren.

Natürlich dürfen dann auch saftige Schilderungen über das Verhältnis zu Altherrentöchtern und – später – Kommilitoninnen ebenso wenig fehlen wie provokante Einzelheiten über die Sitte oder Unsitte des Rauchens und Saufens. Wer die korporierte Welt nicht von innen kennt, wird mit Fakten und Begründungen beliefert. Die „Insider“ dagegen lernen, die über alle Lebensbereiche hinweg ausgreifenden Riten der Korporierten einzuordnen und zu verstehen. Der Spagat, diese beiden Gruppen gleichermaßen im Blick zu behalten, ist dem Autor zweifellos gelungen, und er behandelt die Geschlechterfrage im Bezug auf die Korporationen in vorher nocht nicht gesehener Frische und Offenheit. Gerade hier sind seine Provokationen wirksam, weil sie einerseits den Außenstehenden Einblicke ermöglichen und andererseits den Korporierten den Spiegel vorhalten.

Harte Klarstellung

Das Dritte Reich war alles andere als ein Ruhmesblatt für Deutschland und die Deutschen. Korporierte sind nicht auf dieser oder jener Seite zu finden, sondern sie sind beides: Opfer, Widerständige und Widerstandskämpfer hier – Mitläufer, Täter und sogar Verbrecher dort. Die Kurzbiographien speziell der Täter sind dabei bedrückend, denn für ihre Taten wurden Viele nicht zur Rechenschaft gezogen. Wippermann nimmt hier kein Blatt vor den Mund. Ihm gelingt im dritten Großkapitel seines Werkes eine kohärente Schilderung des Schicksal der Korporationen in den schwierigen Zeitläuften des 20. Jahrhunderts. Dieses Kapitel ist, was dieses Buch zu einer echten Novität macht. Einen Überblick mit einer klaren Einordnung zu diesem düsteren Kapitel fehlte bislang.

Schonungslos desillusionierend schildert Wippermann, wie die Korporationen – allen voran die Corps und die Burschenschaften – von den Nationalsozialisten in die Knie gezwungen wurden. Ruhmreich ist diese Geschichte mitnichten, denn die Corps, die sich wehrten, sind fast an einer Hand abzuzählen. Doch Wippermann zeigt auch auf, von welch großer Gemeinheit und Verschlagenheit das NS-Regime geprägt war. Mancher Kritiker, der alle Korporierten aus falsch- oder missverstandenem Halbwissen heraus – oder absichtlich – für „Nazis“ hält, wird sich die Augen reiben: Gleich nachdem die Nationalsozialisten ihre sozialistische Konkurrenz ausgeschaltet hatten, nahmen sie sich die bürgerlich-konservativen Gruppen und den Adel vor – und damit auch die Korporationen. Diese hochwichtige Schilderung lohnt, sie sollte Pflichtlektüre auf Gewerkschafterkongressen einerseits und in Fuchsenstunden andererseits sein. Wippermanns Darstellung ist wichtig für beide, und das macht den großen Wert dieses Buches aus!

Höchst spannend sind auch Nachkriegsthemen, die bisher weitgehend unter dem fachhistorischen wie studentenhistorischen Radar hindurchrutschten: der Umgang der alliierten Siegermächte mit den Korporationen gehört ebenso dazu wie die Tatsache, dass im NKWD-Lager Buchenwald – dem weiterhin genutzten KZ! – viele Corpsstudenten durch russische Militärs umgebracht wurden, und zwar keineswegs wegen möglicher Nazi-Verstrickungen, sondern als Angehörige einer bürgerlichen Schicht, die dieser Sozialismus, der sich Kommunismus nannte, ebenso ausrotten wollte wir vorher die Nationalsozialisten. Erhellend auch einige weiter Ausführungen zur Geschichte des Korporationswesens in der Bundesrepublik. Nötig sie Klarstellungen zu bestimmten burschenschaftlichen Tendenzen in Österreich. – Gerade dieses Nachkriegskapitel, dessen Protagonisten und Zeitzeugen ja teils noch leben, dürfte dem Autor durchaus auch Gegenwind aus Kreisen von Korporierten verschaffen. Aber genau das will er ja: provozieren, zum Nachdenken anregen. Ob sich freilich die dogmatische Linke durch ihn zum Nachdenken veranlasst sieht, mag dahinstehen.


Direkte Gegenüberstellung

Biographien von Corpsstudenten und Burschenschaftern in einem Abschnitt zu versammeln, und zwar nach Anciennität – das ist eine clevere Idee. Für Eingeweihte sind diese Namen Legende oder zumindest bekannt. Der Nicht-Korporierte hingegen hat eine Wundertüte vor sich: war es ein „Guter“, war es ein „Böser“? War es ein NS-Intensivtäter oder ganz im Gegenteil ein Widerstandskämpfer? Das ist clevere Erzählkunst. Und es zeigt zugleich, wie nahe sie oft nebeneinander standen: Täter und Widerständler, Mitläufer und Bekenner.

Geschrieben ist dieses Werk aus der kritischen Distanz eines Historikers und mit der Empathie eines begeisterten Corpsstudenten. Wippermann sagt das selbst – Recht hat er. Das ist gelungen. Völlig schonungslos ist er gegenüber einigen heutigen österreichischen Burschenschaftern, die sich in der FPÖ engagieren. Schonungslos urteilt er auch über Täter und Mitläufer zur Nazizeit, schwelgerisch dagegen sind seine Charakterstudien aus der Frühzeit der Korporationen. Einige Personen, Otto v. Bismarck zum Beispiel, werden dabei durchaus öfter genannt; Heinrich Heines Eloge an seine Göttinger Westfalen wird vielleicht sogar etwas überstrapaziert. Die Corpsstudenten und Burschenschafter heutiger Tage wird’s aber kaum stören.

Natürlich wird manch erbitterter Gegner des Korporationswesen das Buch mit gespitzem Bleistift lesen, um sich zu notieren, was zu kritisieren ist. Das kalkuliert der Autor ein, ja, mit derartiger Gegnerschaft geht er spielerisch leicht und auch souverän um. Denn er kennt seine Materie. Und er beherrscht die Kunst der gezielten Provokation. Eine große Zahl studentenhistorischer „Mythen“ greift Wippermann mit einer erkennbaren Streitlust an, er relativiert, stellt vom Kopf auf die Füße. Gewiss ist das auch etwas ketzerisch, und nicht jedes liebgewonnene Narrativ kann der korporierte Leser bestätigt sehen. Für den Feind der Korporationen aller Couleur gilt aber dasselbe.

Sorgfältige Differenzierung

Die Herangehensweise, die Wippermann wählt, ist grundsätzlich anders als die Intention der Mehrzahl der anderen Historiker, die es auf die Zerstörung ebendieser Mythen abgesehen haben. Weil sie dogmatische Feinde des Verbindungswesen sind. Diese dogmatischen Gegner werden durch dieses Buch ihrerseits relativiert, ja, entzaubert. Durch dieses Buch werden alle, Kritiker wie Anhänger des Korporationswesens, zum sorgfältigen Differenzieren gezwungen. Die Bruchlinien sind mannigfaltig, und es bedarf guter Informationen und einer profunden Darstellung, um die nötige Unterscheidung zu ermöglichen. Hier ist die große Stärke dieses Werkes zu sehen.

Dem Autor, der als Historiker über ein enormes Œvre verfügt, ist mit „Männer, Mythen und Mensuren“ ein großer Wurf gelungen. Er provoziert, jawohl, aber er wird weder unsachlich noch destruktiv. Er differnziert unser Bild vom Verbindungswesen, aber er zerstört es nicht mutwillig. Das überzeugt, und es trägt vor allem wesentlich weiter als die Plattitüden der Kritiker von Frevert bis Heither.

Von der Machart her ist der Band gelungen. Ein schönes, handliches, edel-zurückhaltend gestaltetes Buch, und insbesondere bei der Bildauswahl hatten Autor und Verlag eine glückliche Hand. Abstriche sind jedoch bei der Wiedergabe der Abbildungen zu machen. Das ansonsten recht angenehme Papier ist nicht speziell für den Bilderdruck geeignet; die im Original meist brillanten und schlichtweg wunderschönen Darstellungen können nicht zur vollen Geltung kommen. Hier wurden mögliche Glanzpunkte verschenkt, auch auf einen Lesefaden wurde leider verzichtet. Positiv zu vermerken: ein gutes Glossar und hinreichende Quellenangaben und Querverweise. Damit kann man arbeiten.

Wippermann hat sich schließlich selbst gefragt, ob ihn seine eigene Zugehörigkeit zu gleich zwei Corps als Autor eines solchen Werkes qualifiziere oder disqualifiziere. Nachdem die Mehrzahl seiner Historikerkollegen sich geradezu im Haß gegenüber dem Korporationswesen an sich ergeht, ist er – als Kenner der Szene in ihrem Inneren – gerade wegen seines Status als Alter Herr qualifiziert. Auch bei genauerer Betrachtung der Fakten kann gesagt werden: er ist doppelt und dreifach qualifiziert. Als Kenner der Materie, als äußerst profilierter Historiker – und als grandioser wissenschaftlicher Erzähler. Zu wünschen bleibt, dass dieses Buch eine Fortsetzung finden möge in einer Anthologie des gesamten korporierten Universums, das die Universitäten Mitteleuropas zu traditionsreichen und farbenfrohen Institutionen macht, die darin ihresgleichen suchen.

Sebastian Sigler

Wolfgang Wippermann, Männer, Mythen und Mensuren – Geschichte der Corps und Burschenschaften, Hamburg 2019, geb. mit SU, 24 Euro; ISBN 978-3-95510-183-1