L’esprit zofingien – 200 Jahre Zofingia

By | 6. März 2020

Von Sebastian Sigler

Einen großen Text-Bild-Band in „Coffeetable“-Qualität – das muß man können, denn dafür muß man selbstbewußt in der Gesellschaft verankert sein. Zofingia kann. Die weiße Mütze mit dem rot-weiß-roten Band fliegt schon auf dem Titelbild des großen Werkes, das sich der Schweizer Zofinger-Zentralverband zu seinem 200. Stiftungsfest gab, in die Höhe. Welch ein Auftakt!

200 Jahre Zofingia – ein prachtvoller Band!

Und dann beginnt das Entdecken. Die drei Lesefäden in Rot, Weiß und wieder Rot erfreuen sogleich. Die Gestaltung der Titelseiten zeigt ein typisches schweizerisches, vornehm-zurückhaltendes Layout ohne überflüssigen Zierrat. Die Botschaften, die dies Buch vermitteln soll – sie sind damit ab der ersten Seite glasklar erkennbar. Im wahrsten Sinne erfrischend sind die Bilder vom Zentralfest anläßlich der 200-Jahrfeier in Zofingen – das Bad einiger Zofinger im großen Brunnen auf dem Thutplatz ihrer korporationsgeschichtlichen Heimatstadt ist selbstredend im Bild festgehalten. Die Grußworte sind in diese Passage des Buches, die im besten Sinne einem Bildband gleichkommt, kongenial eingebunden. Sie lassen sich unter dem Titel „Une source de i’inspiration“ subsumieren, mit dem einer der abwechselnd in deutsch und französisch abgedruckten Texte überschrieben ist. Das Grußwort des Schweizer Bundespräsidenten Ueli Maurer ist gleich in beiden Sprachen abgedruckt. Ein inniges Gebet, doppelseitig, vor dem Hintergrund einer von Ferdinand Hodler gemalten Schweizer Bergkulisse, beschließt die Vorworte. Dankbarkeit gegenüber den Menschen und Gott – Zofingia kann.

Die erste Abteilung ist mit „Patriae“ überschrieben. Kritisch, jedoch ohne unnötige Selbstzweifel werden die Bezüge von Zofingern zu ihrem Land, der Schweiz, gezeigt. Der Leser gewinnt den Eindruck, daß mit Sorgfalt die wichtigen Meilensteine aus zwei Jahrhunderten ausgesucht wurden. Hervorgehobene Persönlichkeiten wie der General Guisan werden mit einer Fotostrecke bedacht – Verehrung und Kultstatus sind jedoch konsequent vermieden worden. Bedeutende militärische Beiträge für das Gemeinwesen stehen neben kulturellen und politischen Leistungen. So entsteht das Bild einer in besten Sinne patriotischen, ihrem Gemeinwesen mit Herz und Hand verpflichteten Gemeinschaft. Patria – Zofingia kann.

Bevor es zur „bierernsten“ Geschichte geht – die der Rezensent wie wohl jeder Leser zu Beginn dieses prachtvoll zu lesenden Bandes erwartet hätte –, kommen die Freundschaft und die Fröhlichkeit zu Ehren: „Amicitiae“! Liedtexte, Berichte von Festivitäten, die „Läupeler“ , die Zentralfeste, dazu Berichte aus den einzelnen Sektionen des Zentralverbandes inclusive der Bilder von allen „Blanches“, den Zofingerhäusern: das ist Lesestoff für die Zofinger aus der ganzen Schweiz. Beschlossen wird dieser Abschnitt von einigen konstitutiven und damit wichtigen Aufsätzen. Hervorgehoben seien die Zeilen des Helveters Jürg Andrea Bossardt zum Verhältnis der „lieben Schwestern“ Zofingia und Helvetia sowie der auf deutsch wie auch auf französisch abgedruckte, grundlegende Aufsatz von Paul Ehinger. Freundschaft bei festen Grundsätzen – Zofingia kann.

Im Kapitel „Litteris“ geht es – keine Überraschung um den akademischen Hintergrund des Zofingerverbandes. Beginnend mit einer löblichen Abhandlung über die Universitäten findet sich der geneigte schon bald mitten in der Prosopographie, der Personengeschichte der Schweiz des 19. und 20. Jahrhunderts. Beeindruckend die Zahl der Zofinger, die bedeutendes leisteten und teils noch heute weltbekannt sind. Ausführlich gewürdigt wird Jeremias Gotthelf. Die Nobelpreisträger, die Zofinger waren, erhalten ihre verdiente Würdigung ebenso wie Jakob Burckhardt, Conrad Ferdinand Meyer und Carl Gustav Jung, allgemein bekannt unter „C. G. Jung“. Karl Barth, Ferdinand Hodler und Max Imboden fehlen natürlich auch nicht. Und das ist nur eine Auswahl! Hohe Bildung und Bürgersinn bei der Gestaltung der schweizerischen, ja, der europäischen Geistesgeschichte – Zofingia kann.

„Idea“ – ein ganz kurzes Kapitel. Ungewöhnlich für eine Jubiläumsschrift. Solch eine reizvolle, persönliche, teils auch anrührende Sammlung von Überlegungen, Notizen und Zitaten hat der Rezensent sonst noch nirgendwo entdeckt. Perlen, scheinbar zusammenhanglos nebeneinander liegend – scheinbar. Vom Rütlischwur bis zum 11. September, vom Lob der Altphilologie bis zu den Bekenntnissen eines Busfahrers, Bibelzitate nicht zu vergessen: alles ist dabei. Dies Kapitel, sechs Seiten hat es nur, ist eine Perle an sich, von Anfang bis Ende lesenswert. Und was für eine schöne Idee! Zofingia bekommt hier Herz und Seele, und der Verstand blitzt immer wieder auf. Philosophie – Zofingia kann.

„Retro“ – Und dann, zum Schluß dieses großen Bandes, kommt sie, die geschichtliche Würdigung der Zofinigia. Doch wieder sucht der Leser die trockene Lektüre vergebens. Ereignisse der Schweizer Geschichte, zuweilen auch mit weltgeschichtlichen Bezügen, werden im Hinblick auf die Beteiligung von Zofingerstudenten dargestellt. Es ist tatsächlich eine Geschichtsschau im besten Sinne, glänzend aufgemacht, auf keiner Seite langweilig. Wer hätte gedacht, daß sogar Berggipfel nach Zofingern benannt wurden? Beim Agassizhorn ist dies der Fall. Doch die Zofingia verschweigt auch nicht, daß dieser hochgerühmte Naturforscher eine – im 19. Jahrhundert freilich nicht ungewöhnliche – Sicht auf Menschen aus anderen Kontinenten hatte: zwar sah er sie als gleichwertig, durchaus aber nicht als gleichberechtigt an. Auch die dazugehörigen Diskussionen aus heutiger Zeit sind vermerkt, und zwar objektiv und unvoreingenommen, so, wie es der Duktus des ganzen Buches ist. Über die Aufzählung der bemerkenswerten Taten von Zofingern durch zwei Jahrhunderte widerstehen die Macher des Bandes der Versuchung der Selbstbeweihräucherung und der Nabelschau.

Und so werden denn ganz „Retro“ – und doch in Vielem aktuell – die Gotthardbahn, die Organisation der Schweizer Kirchen, die Bedeutung des Roten Kreuzes sowie die Rolle einer ganzen Reihe von Schweizern in den Weltkriegen zum Thema – denn immer waren Zofinger Hauptakteure oder zumindest Zeitzeugen. Einzelne Schicksale fallen ins Auge, vom Titanic-Überlebenden Max Staehelin bis zum legendären Schweizer Bundespräsidenten Eduard von Steiger reicht das Spektrum. Und dann kommt sie doch noch: eine kompakte, gute lesbare, das wesentliche erfassende Zusammenfassung von 200 Jahren Zofingergeschichte, auf Französisch gleichermaßen wie auf Deutsch. Solides studentenhistorisches Wissen, gut lesbar vermittelt. Wie verwurzelt die Zofinger dabei in ihrer Heimat sind, beweist eine kurze, abschließende tour d’horizon durch zwei Jahrhunderte Verfassungsgeschichte der Schweiz, nicht ohne Vision für die nächste Reform. Und natürlich nicht ohne personengeschichtliche Anmerkungen zu den jeweiligen Gestaltern – Zofingia kann.

Geschichte, Esprit, Lebensfreude, Glaube, Tradition, Verfassungsrecht – ja, Zofingia „kann“ dies alles. Diese Festschrift belegt es. Erfreulich ist dabei, daß in dem vorliegenden, in seiner Schlichtheit dennoch opulenten Bild-Text-Band dies auch auf lebendige Weise veranschaulicht werden kann. Das Layout ist relativ stark auf das jeweilige Sujet angepaßt und verliert nur ganz selten die klare Linie. An manchen Stellen geraten die Abstände von Bildern und Texten etwas knapp, sind die Unterüberschriften ein wenig verwirrend. Aber dem steht, viel bedeutender, das große Lob für die Macher des Bandes entgegen, über 384 hinweg ein immer anspruchsvolles, zuweilen hochkomplexes Layout konsequent durchgezogen und umgesetzt zu haben. Ein wenig stimmiger hätte die äußere Gestalt noch sein können – wer derart viel Herzblut und gewiß auch Arbeitszeit von Spezialisten ihres Faches in einen solchen Jubiläumsband hat, sollte vielleicht auch über eine hochwertigen Einband mit rundem Rücken, ja, vielleicht auch über einen Schutzumschlag nachdenken. Das ist aber kein wirklicher Kritikpunkt, sondern eine Anregung – das Vierteljahrtausend wird schließlich in knapp 100 Semestern zu feiern sein!

Eine Kommission unter dem Jubiläumspräsidenten des Schweizer Altzofingervereins, des Berner Notars Hans Georg Brunner, verantwortet dieses opulente Werk, für das gewiß manche Ressource angezapft werden mußte. Diese Festschrift, herausgegeben gemeinsam vom Zofingerverein und dem Altzofingerverein unter der redaktionellen Regie von Ronald Roggen, die hier nochmals eine lobende Erwähnung verdient hat, sollte von einem großen Leserkreis gebührend wahrgenommen werden – die Zofinger haben hier ein Signal der Lebensfreude und der tätigen Zukunftsgewandtheit gesandt. Sehr zu wünschen wäre, daß „Zofingergeist. L’esprit zofingien. 1819 – 2019“ auf recht vielen Empfangstischen von Arztpraxen, Anwaltskanzleien, Clubhäusern, Universitätsbibliotheken, sonstigen öffentlichen Gebäuden und natürlich auf jedem Verbindungshaus zu finden ist, und zwar über die Schweiz hinaus. Denn in der Schweiz ist das „Couleurikertum“ durchaus noch sehr solide in einer bürgerlichen Gesellschaft verankert. Klar zu erkennen ist, daß die Korporierten in der Schweiz nicht pauschal politisch verfolgt werden – so, wie das in Deutschland zunehmend der Fall ist. Um es in einem Satz zu subsummieren: Eine fabelhafte, zweifellos sehr würdige, dabei in Bild und Wort elegante Festschrift anläßlich ihres 200. Stiftungsfestes – oh ja, Zofingia kann. Sebastian Sigler