Das Wartburgfest als europäisches Ereignis

By | 5. März 2020

Ein inhaltsreicher und lohnender Tagungsband – Rezension

Studentengeschichte ist ein europäisches Forschungsgebiet – das ist längst klar. Das zeigt der vorliegende Band, dem eine Tagung der Friedrich-Schiller-Universität in Jena zum 200. Jubiläum des Wartburgfestes zugrunde liegt.[1] Zwei Jahre nach dem Ende der Napoleonischen Ära setzte diese stu­den­tische Versammlung – als Fest apostrophiert, in Wirklichkeit aber hochpolitisch – ein Signal des politischen Aufbruchs in unru­higen und auf­gewühlten Zeiten. Von Verbot der Burschenschaft 1817 war nicht die Rede. Noch nicht.

Das Titelbild des Bandes: Der Zug der Studenten zum Wartburgfest

Das Titelbild zeigt bereits das symbolische Bild einer wah­ren Anabasis der Studenten hinauf zur geschichtsträchtigen Wart­burg – ein gelungener Einstieg. Der Stuttgarter Franz-Steiner-Verlag, in dem das Werk erschien, schreibt: „Im Wart­burgfest kamen somit all jene Problemkomplexe zusam­men, die in den folgenden Jahrzehnten die Politik und Gesellschaft in Deutsch­land bis über die Reichsgründung hinaus prägen sollten.“[2] Dass hier eine wahre Fundgrube für die ideengeschicht­liche Interpre­ta­tion des 19. Jahrhunderts vorliegt, sei vorweg bemerkt. Sehr gut wird bei verschiedenen Autoren sichtbar, dass die Burschenschaften im Jahre 1817 eine eigene Öffentlichkeit schaffen wollten, dass sie sich als Vorwegnahme eines neuen, geeinten Staates sahen. Der Band weist dabei eine inhaltliche Steigerung auf. Von teils eher allge­mein gehaltenen Beiträgen geht es zu konkreten inhaltlichen und prosopographischen Studien, in denen vor allem die Korporierten in gebührender Weise – und keinesfalls unkritisch – gewürdigt werden. Den krönenden Abschluss, nicht nur in dieser Hinsicht, liefern dann Matthias Stickler und Harald Lönnecker. 

Drei Aufsätze, die das Um­feld des Wartburgfestes beleuch­ten, bilden den Einstiegsteil des Buches. Solide referierten Wolfram Siemann, Wolfgang Burgdorf und Hans-Werner Hahn über den preußi­schen, den österreichischen sowie den gesamtdeutsch-europäi­schen Hintergrund, vor dem das Fest stattfand. Interessant sind die Funde, die Markus Mößlang für England und Schottland präsentieren konnte: Das Wartburgfest hatte durchaus Widerhall bis auf die britischen Inseln. Dafür, dass dies eine Demonstration von nur rund 500 jungen Menschen – zumeist Männern – war, wie später vor allem Joachim Bauer vertiefend darstellen sollte, ist das bemer­kenswert.

Marco Kreutzmann referierte auf der Jubiläumstagung, die im Jahre 2017 auch tatsächlich auch auf der Wartburg stattfand, über die deutschen Mittelstaa­ten – aus dieser Warte ergibt sich ein klarer Hinweis darauf, daß die die Studenten sich durchaus mit konkreten politischen Absichten versammelten. Die Nachricht vom Wartburgfest verstärkte demnach den Druck auf die Ge­sandten des Deutschen Bundes, konkrete Schritte in Richtung ei­ner erhofften und ersehnten Reichs­verfassung einzuleiten, ganz enorm. Eine bedenkens­werte Facette!

Ähnlich liegt der Fall bei Winfried Müller. Er referierte über das Königreich Sachsen, dessen König gegen Ende der na­poleoni­schen Ära zwischen allen Stühlen saß und nicht nur große Gebietsverluste hinnehmen mußte, sondern auch fast alle Luther-Gedenkstätten an Preußen verloren hatte. Bei dieser Gele­genheit aber wird deutlich, welch eine dichte Folge von Erinne­rungstagen dem Wartburgfest zugrundelag – angefangen vom fünf Jahre zurückliegenden Rußlandsfeldzug Napoleons bis zum 300. Jahrestag der Reformation Martin Luthers, kon­kret ging es hier um die Veröffentlichung der berühmten 95 The­sen in Wittenberg. Auch dies ist aber eine Grundlage für die im Verlauf der Konferenz und damit auch in der Reihung des Ta­gungsbandes fol­genden, prosopographischen Studien. Gerhard Müller ergänzt dies aus dem Blickwinkel des Staates, in dem das Fest wohl aus doppeltem Grund stattfand – erstens besaß das Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach eine gerade frisch verabschiedete, liberale Verfassung, und zweitens war die Wart­burg ein zentraler Schauplatz der Reformation, an die wie gesagt im Okto­ber 1817 nicht zuletzt erinnert werden sollte.

Es folgt ein Abschnitt über die religiösen Aspekte des Festes. Christoph Spehr, einer der Herausgeber, schreibt über die evangelischen Inhalte des Wartburgfestes, die wahrlich nicht zu unterschätzen sind. Er er­kennt einen „über das rein konfessionell Kirchliche hinausgehen­den ideengeschichtlichen Horizont vom ‚Protestantismus’ als Religion der Freiheit, des Fortschritts und des besseren Zusam-menle­bens“, in den das Wartburgfest einzuordnen sei. Dennoch sei das Fest in konfessioneller Hinsicht „friedlich“ gewesen, was er auf eine übergeordnete, „patriotische“ Frömmigkeit zurück-führt. Wichtig ist sein Hinweis, daß am 18. Oktober 1817 in Eisenach die Teilnehmer des Festes um 6 Uhr morgens mit Glockengeläut versammelt wurden, um dann um 8.30 Uhr mit erneutem Geläut zur Wartburg aufzubrechen. Um 10 Uhr be-gann dort die eigent­liche Versammlung mit einem Gottesdienst im Rittersaal. In Eisenach fand dann am selben Nachmittag ein Festgottesdienst zum Gedenken an die Völkerschlacht statt; Spehr nennt die Pre­diger und hat die erhaltenen Quellen auf Informationen zu den Liedern, die gesungen wurden, ausge­wertet. Bei den Reden legt er einen Schwerpunkt auf die Worte, die der Philosophieprofes­sor Jakob Friedrich Fries in seiner „Re­de an die deutschen Bur­schen“ fand. Sehr hilfreich ist schließlich der Befund Spehrs, daß sich erst die Bezugnahme auf das Wartburgfest wie auch auf die Reforma­tion ganz allgemein, die durch Radikale wie den Bur­schenschaf­ter Carl Ludwig Sand im Nachhinein erfolgte, fatal auf die Rezep­tion dieses letztlich studentischen, frommen und eher als Mahnung gedachten Ereig­nisses ausgewirkten.

Stefan Gerber, der in Jena lehrt und ebenfalls zu den Herausgebern gehört, steuert dem insgesamt sehr lohnenden Band einen Beitrag zur Wirkung des Wartburgfestes auf das katholische Deutschland bei. Er öffnet damit zugleich den Wirkungshorizont des Wartburgfestes bis hinein in den Kul­turkampf im späten 19. Jahrhundert. Auch er arbeitet jedoch den studentischen Charakter des Festes heraus: „Entscheidend für die Einla­dung war nicht ein konfessionelles, sondern ein studen­tisch-bur­schenschaftliches Bezugssystem.“ In einer sehr sorgfälti­gen und kenntnisreichen Studie legt Gerber dar, daß zum Zeit­punkt des Wartburgfestes und bei dessen Rezeption durch die Zeitgenossen insgesamt noch nicht jener unver­söhnliche Ton angeschlagen wurde, der später im Deutschen Reich, im Kultur­kampf, den protestantisch-katholischen Diskurs prägen sollte. Der Autor leistet mit seiner darstellenden Einordnung einen wich­tigen Beitrag zum Gesamtverständnis des Wartburgfestes durch die Zeitgenossen.

Überaus hilfreich zum Verständnis des studentischen Tref­fens auf der Wartburg ist weiter oben bereits erwähnte die stati­stische Arbeit des in Jena leh­renden Joachim Bauer; er ist der Dritte – der Erstgenannte – im Bunde der Herausgeber. Sorgfältig und sinnvoll schlüsselt er auf, wer auf der Wartburg zugegen war, unterscheidet dabei auch sehr sicher und zutreffend zwischen den Organisatoren von der Burschenschaft und anwesenden Landsmannschaftern. Die Statistiken zum Alter der Anwesenden, zur regionalen Herkunft, zur konfessionellen Herkunft, zur möglichen Kriegserfahrung und nicht zuletzt zur Verortung in den unterschiedlichen Studenten­ver­bindungen helfen enorm, ein transparentes Bild vom Charakter der Versammlung zu vermitteln. Bauer fällt es leicht, diese Unter­scheidungen korrekt zu treffen, denn er bedient sich der stu­den­tischen Überlieferungen von Korporierten – eine prosopographi­sche Komponente, die einen Vorteil in der Quellenkunde ermög­licht, der andernorts, also in sehr vielen Fakultäten, allzu oft unterschätzt wird.

Nur bedingt erschließt sich die These von Klaus Ries, der gleichfalls in Jena lehrt, das Wartburgfest sei der „Beginn eines politischen Professorentums“ gewesen – dazu genügt schon ein Blick auf Johann Gottlieb Fichte. Unklar bleibt auch, inwiefern Märtyrertum und Terrorismus heutiger Tage auf das Wart­burg­fest zurückzuführen sein sollen.

Der in wissenschaftlich Würzburg beheimatete Matthias Stickler öffnet der Leserschaft einen weiten Hori­zont. Vom Wart­burgfest ausgehend beleuchtet er die Bildungs­landschaft in der weite Teile des östlichen Mitteleuropas umfas­senden Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, federleicht erzäh­lend und zu­gleich faktenstark. Das weitgehende Fernbleiben österreichischer Teilnehmer vom Wartburgfest erklärt er – sie wurden zumeist schlichtweg nicht eingeladen. Wichtig ist aber die Begründung: Dies lag an einem von Wien ausgehenden Bildungsklima, das Re­formen nicht zuließ und damit für eine Isolation des Doppel­reiches insgesamt sorgte; Stickler attestiert, daß die österreichi­schen Studenten vom mit dem Namen Humboldt verbundenen Reformgeist in Mitteleuropa „faktisch ausgeschlossen“ gewesen seien. Daraus erklärt er auch die Tatsache, daß die Österrei­cher als Teilnehmer des studentisch und akademisch ausgerichteten Wartburgfestes nicht infragekamen, weil eben ihre Universitäten aka­demisch nicht – beziehungsweise nicht voll – anerkannt waren. In einigen deutschen Staaten herrschte dagegen offenbar ein Klima, in den auch der geistige Aufbruch der Studenten auf der Wartburg stattfinden konnte. Die Studenten trafen sich wohl auch nicht zufällig auf dem Boden des Groß­herzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach, wo 1816, im Jahr vor dem Wartburgfest also, eine ausgesprochen liberale landständische Verfassung erlas­sen worden war – wie weiter oben bereits erwähnt. Höchst aufschlußreich sind auch Sticklers Bemerkungen zur Sonderrolle der Prager Studenten in Österreich-Ungarn, die sich auch auf das Wartburgfest auswirk­te. Kurzum – dieser Beitrag ist höchst lesenswert!

Harald Lönnecker hat, was burschenschaftliche Geschichts­schreibung betrifft, seit Jahren schon das letzte Wort – zurecht. So auch in diesem Band, der indes weit über das spezifische stu­dentenhistorische Feld hinausgeht und eine veritable, jedem An­spruch mehr als genügende Historikerkonferenz abbildet. Die Diskussion um die Ereignisse des Wartburgfestes, die sich zwi­schen mehreren Teilnehmern entsponnen hat, ist für Lönnecker die Folie, auf der er sehr genau und schlüssig darstellt, dass es schon unter den Zeitgenossen durchaus Diskussionen um den Verlauf des Festes gab. Lönnecker nutzt die Berichte der Bur­schenschafter Hans Ferdinand Maßmann und Friedrich Johann Frommann sowie des Professors Dietrich Georg Kieser, um dem Charakter der hochpolitischen Versammlung an symbolischem Ort nachzuspüren. Dies ist sehr ertragreich, und es gelingt dem Autor durch sauberes Quellenstudium, Rödigers umstrittene Feu­errede ebenso wie die symbolische Bücherverbrennung in den gebührenden Rahmen zu setzen. Letztere war dem­nach eine Einzelaktion „eines gewissen Maßmann, eines beschränkten Kopfes, der einen Lut­her en miniature zu spielen begehrte“, so hat es Lönnecker in den „Fragmenten“, einer Art Tagebuch eines Johannes Wit gen. v. Dörring, gefunden. Auch mit 200 Jahren Abstand sind damit Personen, Hintergründe und das politische Umfeld genau analysierbar. Wie viele seiner Zeitgenossen lehnt Wit übrigens alle Verschwörungstheorien rund um die Burschenschaft ab und erklärt – hierin ganz Zeitzeuge –, das Fest habe seine revolu­tionäre Wir­kung erst durch die Zeitumstände, in die es fiel, ent­wickeln kön­nen. Doch dies ist nur der Anfang einer durchgängig perfekt belegten, sehr genauen Analyse zur geistesgeschichtli­chen Bedeutung des Wartburgfestes, die anderswo so kaum zu erhalten ist. An diesem Beispiel zeigt sich die Stärke der Studentengeschichte, die, wenn sie denn quellenmäßig mit Sorgfalt und ideenge­schichtlich mit Objektivität betrieben wird, auch für die allgemei­ne Geschichtsschreibung sehr fruchtbringend sein kann. Insge­samt ordnet Lönnecker das Wartburgfest als Meilenstein in einen Diskurs ein, der über das lange 19. Jahrhundert anhielt und in dem Namen wie Ludwig Bechstein und Heinrich v. Treitschke nicht fehlen dürfen. Damit gerät dieser Aufsatz, der den Band über das Wartburgfest insgesamt abschließt, zugleich zum gülti­gen Resümee für die gesamte Tagung. Chapeau!   

Harald Lönnecker selbst resümiert: „Die Burschenschaft des Jahres 1817 wollte weit mehr sein als eine Studentenverbindung, das war das Neue.“ Die postulierte Vorwegnahme eines künftigen deutschen Staates sei es, was sie für die allgemeine Geschichte bedeutsam macht. Die Studenten auf der Wartburg  praktizierten demnach die „Lösung vom Korporativen und Übergreifen in Sphären, in die sich Studenten bisher nicht vorgewagt hatten, wozu sie sich aber auf Grund der Ereignisse ab dem Jahre für 1813 befähigt und berechtigt hielten“. Als künftige Akademiker waren, so Lönnecker, „die Burschenschafter Multiplikatoren in der sich entwickelnden und vielfach von ihnen geschaffenen Nationalbewegung“. Sie waren darin voller Enthusiasmus und Hoffnung; die Zeit der Verbote sollte gleichwohl schon bald kommen. Sie begann bereits mit der Umsetzung der Karlsbader Beschlüsse von 1819. Das Wartburgfest repräsentiert damit auch eine besondere, eine sehr kurze Zeitspanne, in der viele Dinge möglich schienen. Wie viele Hoffnungen im Laufe des 19. Jahrhunderts letztlich unerfüllt bleiben sollten, war 1817 noch nicht zu überblicken.

Der Verlag hat einen soliden Band produziert, der allerdings vorwiegend für Bibliotheken gedacht sein dürfte, das zeigt der vergleichs­weise üppige Ladenpreis von 59 Euro. An Details ist zudem erkennbar, daß wahrscheinlich keine studentenhistorisch geschulten Spezialisten mit der Gestaltung be­faßt waren. Die Legenden für die Abbildungen 1 und 2 im Beitrag von Joachim Bauer sind ver­tauscht – in einem Fall geht es um Burschenschaf­ter aus dem ganzen Deutschen Reich, im anderen speziell um Göttinger Verbindungen, darunter auch Landsmannschaften, damals wurden sie schon „Corps“ genannt. Das sind aber nur Feinheiten, die den Gesamteindruck nicht schmälern können.

Es ist den Herausgebern insgesamt gelungen, ein Bild vom Wartburgfest zu entwickeln, in dem die Vielschichtigkeit dieses Ereignisses historisch weit besser zu erfassen ist, als das vielfach bisher der Fall war; der Verlag selbst spricht sehr passend von der „Perspektive einer europäischen Verflechtungs­geschichte“, doch es kommt etwas hinzu. Die angemessene und differenzierte Darstellung der Rolle der korporierten Studenten, die sich am stärksten bei Bauer, Gerber und Lönnecker wiederfin­det, ist es wohl letztlich, die diesen Band qualitativ hervorhebt. Sebastian Sigler

Bauer, Joachim / Gerber, Stefan / Spehr, Christoph (Hrsg.), Das Wartburgfest von 1817 als europäisches Ereignis, erschienen in der Reihe Quellen und Bei­träge zur Geschichte der Universität Jena, Bd. 15, Stuttgart 2020, 340 Seiten, bro­schiert, ISBN 978-3-515-12578-9, 59 Euro.


[1]       Diese Tagung fand statt vom 11. – 13. Oktober 2017 auf der Wartburg in Zu­sammenarbeit mit der Wartburg-Stiftung, Eisenach.

[2]       Verlagsinformation, unter http://www.steiner-verlag.de/titel/61844.html ab­rufbar; Stand: 5. März 2020.