Zur Arierfrage in Studentenverbindungen

By | 3. Oktober 2016

Jürgen Herrlein legt langerwartete Studie vor

Der Umgang mit jüdischen Mitstudenten war für die Korporationen im damaligen Deutschen Reich und in Österreich seit etwa 1880 ein immer stärker drängendes Thema, und dieses Thema ist bis heute bei einigen Verbindungen, meist sind es Burschenschaften, nicht beendet. Einen weiten Bogen vom frühen Antijudaismus zum rassischen und rassistischen Antisemitismus und weiter bis ins 21. Jahrhundert zu spannen und das Geschehene zu erklären – das war die Aufgabenstellung für Jürgen Herrlein. Er hat sie wahrlich summa cum laude erfüllt – soviel sei vorweggenommen.

Die bahnbrechende Promotionsschrift von Jürgen Herrlein ist inzwischen auch als preiswerter Zweitdruck erschienen, in dem die geschichtlichen Fakten zum Antisemitismus ab 1880 in fast allen Studentenverbindungen, speziell zur Arierfrage und ihrer Umsetzung, vollständig enthalten sind. Broschiert, 80 Seiten, 10 Euro, bestellbar über diese Webseite. Ab fünf Exemplaren nur noch 6 Euro pro Stück.

Natürlich steht der Zeitraum des Nationalsozialismus im Fokus einer solchen Untersuchung.  „Im Frühsommer 1933 warfen die deutschen Studentenverbindungen mit der Übernahme des nationalsozialistischen Führerprinzips in wenigen Wochen [eine] über ein Jahrhundert alte demokratische Traditionen über Bord“, schreibt der Nomos-Verlag. In der direkten Folge vollendeten die Korporationen – über alle Dachverbände hinweg – eine unheilvolle Tendenz, die sich schon im späten 19. Jahrhundert angebahnt hatte. Sie verdrängten nicht nur ihre Mitglieder jüdischen Glaubens, sondern auch die, die jüdische Vorfahren oder eine jüdische Ehefrau hatten. Mit diesem Treuebruch, den Herrlein in seiner Promotionsschrift konsequent herleitet und schonungslos benennt, schädigten sie ihre eigene Struktur irreparabel. Zwar geschah die Vollendung des Unheils unter dem Druck eines sich immer weiter radikalisierenden NS-Regimes, aber das änderte nichts am vorhersehbaren Ende: bereits 1936 lag das gesamte deutsche Korporationswesen darnieder. Nur dank der Befreiung vom Nationalsozialismus konnte überhaupt wiedererstehen.

Akribisch zeichnet Herrlein am Beispiel des Corps Austria Prag, heute in Frankfurt am Main, den Umgang mit denjenigen unter den Mitgliedern nach, die unter die NS-Verfolgten fielen. Dieser Aspekt der Arbeit ist höchst verdienstvoll. Verschiedene Aspekte treten deutlich hervor – so auch die Tricks, mit denen sich ein Corps wie Austria sozusagen aus den Verfolgungsbemühungen des NS-Regimes herauszuwinden versuchte. Von Heldentum ist hier wenig zu spüren, eher von einem verzagten Bemühen, das Schlimmste zu verhindern. Knapp, aber signifikant das Kapitel 11, in dem die Reaktionen Betroffener auf die Ausgrenzung dargestellt werden: ganz unterschiedlich, aber alle berührend. Zu erwähnen war aber genauso, daß hier alle „nichtarischen“ oder „jüdisch versippten“ Alten Herren des Corps sofort nach dessen formeller Schließung unter dem Druck des NS-Regimes wieder als Mitglieder geführt und angesehen wurden und dies auch annahmen. Herrlein tut dies; sehr hilfreich ist in diesem Zusammenhang sein Verweis auf die Studentenorden im 18. Jahrhundert, die ebenfalls unter scharfer Verfolgung litten und mit ihren namentlich verfolgten Mitglieder verabredeten, dass diese zum Schein dem Orden abschworen, in Wirklichkeit aber Mitglieder blieben.

Überaus ertragreich ist Kapitel 14. Der Autor erklärt hier die Hintergründe für den Antisemitismus, der sich ab etwa 1880 im Deutschen Reich und in ganz Mitteleuropa zunächst klandestin, dann immer offner breitmachte. Faszinierend ist der hohe Erkenntnisgewinn, der sich allein aus den ersten 18 Seiten dieses Abschnitts ziehen lässt. Es zeigt sich, daß die Vorgänge rund um das Korporationswesen quasi als eine Art Katalysator eingesetzt werden können, mit dessen Hilfe das gesamtgesellschaftliche Problem erkannt werden kann. Es zeigt sich hier auch, dass die Korporationen weit weniger aus dem Bevölkerungsdurchschnitt herausragten, als sie selbst es in dem ihnen eigenen Elitedenken vielleicht gerne gehabt hätten.

Mit umfangreicher Quellenarbeit zeichnet Herrlein an anderer Stelle nach, wie sich die völkisch-nationalen Motive für diese Vorgänge seit Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelten. Die Mitglieder von Korporationen verschiedener Couleur waren seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in stark zunehmendem Maße mit leitenden Aufgaben in Gesellschaft und Regierung betraut. Völlig richtig beobachtet Herrlein daher, dass diese Involvierung sich danach Stück für Stück fatal auswirkte und schließlich in einem rassischen Antisemitismus gipfelte, als Regierung und System nationalsozialistisch wurde: viele Korporationen übten sich nun in umso radikaler in der Ausgrenzung von Menschen jüdischen Glaubens – in der irrigen Annahme, in ihrer Eigenheit von der entfesselten Furie verschont zu werden.

Herrleins Analyse ist gerade bei der Schilderung der größeren Zusammenhänge klarsichtig und brillant. Er formuliert auf Seite 342, dabei auch auf Harald Lönnecker rekurrierend: „In ihrer antidemokratischen Sehnsucht nach dem ‚starken Mann’ verkannten die akademischen Korporationen, dass die Nationalsozialisten niemals ein ernsthaftes Interesse an den studentischen Verbindungen und ihren Dachverbänden hatten. Den NS-Organisationen ging es nur um den Zugriff auf die Studenten.“ In dieser Erkenntnis wie in der Schilderung des Gesamten ist Herrlein, der selbst Corpsstudent ist, absolut d‘accord mit forschenden Kollegen – auch solchen, die der Idee der Studentenverbindungen an sich zumindest neutral gegenüberstehen. Exemplarisch genannt seien hier Anselm Faust, der in einem 2008 erschienenen Aufsatz über den NStSDB im von Joachim Scholtyseck und Christoph Studt herausgegebenen Band „Universitäten und Studenten im Dritten Reich“ zu gleichwertigen Ergebnissen kommt. Die früheren Arbeiten Fausts sowie die Forschungen von Michael Grüttner seien hier auch genannt.

Einen wichtigen Teil der Untersuchung nimmt schließlich die Schilderung der weitgehend und fast flächendeckend gescheiterten Aufarbeitung in den ersten Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg ein. Vielfach wurde mehr Rücksicht auf die Täter genommen als auf die Opfer. Täter konnten sich sogar in vielen Verbindungen, darunter auch viele Corps, als NS-Verfolgte darstellen. Die Opfer, die vergessen wurden, sind quasi ein zweites Mal verraten worden. Erst nach und nach wird diese untragbare Haltung korrigiert. Vor einigen Jahren geschah dies bereits bei Hubertia Freiburg, doch Herrlein deckt auch hier Lücken auf. Eine neue Kultur des Gedenkens pflegt zum Beispiel auch die Heidelberger Corps Suevia – Herrlein vermeldet es. Hinweise auf Corps wie Saxo-Borussia Heidelberg und Hasso-Nassovia Marburg, wo dies auf die eine oder andere Art auch geschieht, wären zwar als Ergänzung förderlich gewesen, das tut der Untersuchung insgesamt aber keinen Abbruch.

Die Narben des Traditions- und Treuebruches von 1933 und in den Folgejahren sind bis heute sichtbar. Herrleins Schrift macht dies sehr deutlich, ohne dass der Autor in billige oder abgedroschene Klischees verfallen würde. Mit großer Objektivität und Genauigkeit werden vielmehr die Grundlagen für das ungeheuerliche Geschehen aufgespürt und sehr fein die bestehenden Unterschiede zwischen den einzelnen Dachverbänden benannt. All dies ist enorm wichtig. Es sichert, das sei hervorgehoben, ein Ergebnis, das wissenschaftlich standhalten kann. Damit unterscheidet sich diese Arbeit vom Grundsatz her wohltuend von Schriften über die korporierte Studentenschaft, wie sie etwa Heither und andere dogmatische Gegner der Korporationswesens verfaßt haben.

Herrleins Arbeit wurde von der Universität Bremen „summa cum laude“ als rechtshistorische Dissertation angenommen.

Das Buch liegt als Hardcover-Ausgabe vor, in einer Bibliotheksausstattung, es hat 486 Seiten. Das ist angemessen; eine etwas sorgfältigere Behandlung des Textlayouts wäre zu wünschen gewesen. Aber das gerät über die Lektüre des an sich angenehm und flüssig geschriebenen, ja, fesselnd-spannenden Textes zur Nebensache, zumal ein sehr ausführlicher Quellenteil erfreuliche Ergänzung bietet. Nicht jeder potentielle Leser wird jedoch 99 Euro für das Werk ausgeben können. So sei vor allem den Aktiven und Inaktiven geraten, dieses Buch beizeiten in der Unibibiliothek ihres Vertrauens zu bestellen. Es lohnt sich sehr! Sebastian Sigler