Jena – eine Wiege des Korporationswesens

By | 1. August 2013

Wie wichtig kann die Erinnerungskultur einer einzelnen Universität für die Geschichte eines ganzen Kulturraumes, einer Nation sein? Über diese Frage nachzudenken lohnt offenkundig mehr, als es zunächst scheint, das belegt die Lektüre der Habilitationsschrift, die Professor Joachim Bauer aus Jena vorgelegt hat. Schmerzlich wurde bisher eine wissenschaftliche Untersuchung vermißt, die die Erinnerungskultur der Korporationen als Teil der Universitätsgeschichte markiert – als einen integralen Teil, wohlgemerkt.

Rund ein Viertel des 544 Seiten starken Buches zeichnet den Zeitraum nach, der für die Geschichte des Korporationswesens von Belang ist. Bauer zeichnet hier faszinierende Verbindungslinien. Zum Beispiel diejenige, die sich vom ältesten erhaltenen Burschen-Comment, den der Gießener Johann Christian Gleiß alias „Martialis Schluck von Raufenfels“ verfaßte, bis hin zu den alten Landsmannschaften zieht, die nahtlos in teils heute noch bestehende Corps übergingen – die Grundlage des heutigen Korporationswesens wird sicht- und faßbar. Sehr passend wird, für unsereinen höchst interessant, die Geschichte des Landesvater-Liedes eingebunden. Zwar sind hier und an anderen Stellen manche Fakten bekannt, doch erhalten sie in der Gesamtschau, die Bauer zu entfalten versteht, eine erhellende Erklärung und Einbindung. So ist dieses Buch eine unentbehrliche Grundlage zum Verständnis des Entstehens der heutigen Korporationen. Diese waren – und sind! – ihrerseits Produkte eines tiefgreifenden Umbruchs an den Hochschulen im Alten Reich, dies wiederum folgend dem dramatischen Wandels, von dem in der Folge der Umwälzungen durch die Revolution in Frankreich und die napoleonischen Kriege auch die Universitäten nicht verschont blieben.

Bauers Arbeit ist einer großen Habilitationsschrift ohne Abstrich würdig. Die Pallas-Athene-Reihe, die Rüdiger vom Bruch herausgibt, ist hochangesehen. Es gereicht diesem Werk zur berechtigten Ehre, hier abgedruckt zu sein. Dem Herausgeber ist zu der gelungenen Fortsetzung seiner Reihe – mit diesem schön ausgestatteten, aussagekräftig bebilderten Band – unbedingt zu gratulieren. Die Lektüre ist wärmstens zu empfehlen.

Sigler Bavariae München

Joachim Bauer, Universitätsgeschichte und Mythos. Erinnerung, Selbstvergewisserung und Selbstverständnis Jenaer Akademiker 1548 – 1858, Franz Steiner, Pallas-Athene-Reihe Nr. 41, hrsgg. von Rüdiger vom Bruch und Lorenz Friedrich Beck, Stuttgart 2012, 544 Seiten, gebunden, 74 Euro.