Lohnende Vorlesungsreihe zur Studentengeschichte an der TU Dresden

By | 12. März 2012

Es verdient dokumentiert zu werden, daß eine große deutsche Universität eine Vorlesungsreihe über das Wesen und die Geschichte der Korporationen durchgeführt hat. In Dresden war dies im Wintersemester 2010/2011 möglich, und das hier vorliegende Buch, „Füxe, Kneipen und Couleur“ hält das insgesamt beeindruckende Ergebnis fest. Die Einführung stammt vom Ordninarius Prof. Werner J. Patzelt.

Knapp und gut der Überblick, den Horst Ulrich Textor Franconiae Fribergensis über die Formen der korporierten Gesellung im Rahmen der akademischen Ausbildung gibt – schon im antiken Griechenland sind vergleichbare Strukturen erkennbar. Textor klärt Gemeinsamkeiten und trennendes und ordnet so das Phänomen „Korporation“ in den abendländischen Kontext ein. Nahtlos schließt der äußerst kundige und renommierte Studentenhistoriker Dr. Harald Lönnecker mit einem knappen, aber Vollständigkeit erzielenden Aufsatz über die Geschichte der heute bekannten Korporationen an, was angesichts der Komplexität des Themas ein Bravourstück ist.

Einen neuen Ansatz stellt der Gedanke dar, den Anette v. Schlabrendorff in die wissenschaftliche Diskussion einbringt: ihre heutige Gestalt verdanken die Korporationen demnach auch der geistigen Auseinandersetzung mit den Salons und der ihnen eigenen Kultur im späten 18. Jahrhundert – das jedenfalls legen ihre Gedanken am Beispiel Berlin offen. Professor Peter Kaupp ergänzt diesen Themenkomplex mit einem Überblick über studentisches Brauchtum. Für Kundige ist die Materie wohlbekannt, aber für Zuhörer einer Vorlesung und auch für Spefüchse sicher von großem lexikalischem Wert – daher hat dieses Thema völlig zu Recht Aufnahme in den Band gefunden.

Dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte sind Professor Patzelt und seine Mitstreiter von der Gesellschaft zur Förderung Studentischer Kultur e.V. nicht ausgewichen. Es gab nicht nur Tausende von Mitläufern, sondern auch eine nennenswerte Zahl von Widerstandskämpfern unter den Angehörigen der Verbindung unterschiedlicher Prägung. Korporation als Spiegelbild der Gesellschaft, im Schlechten wie eben auch im Guten: Dr. Sebastian Sigler gelingt es, dieses schwierige Themenfeld kompetent zu besetzen, und mancher Name, den er nennt, ist anderweitig bestens bekannt – bislang aber eben nicht als Korporierter. Im übrigen sind die Bedingungen der Nachkriegszeit unmittelbare Folge des Geschehens in der NS-Zeit, und hier wurden seitens der Korporationen bedeutende Chancen ungenutzt gelassen, ja, Fehler gemacht, wie Dr. Helge Kleifeld ausführt. Kleifeld, als Studentenhistoriker sehr renommiert und in diesem Band mit zwei Beiträgen vertreten, stellt den Korporationen insgesamt ein bedenklich schlechtes Zeugnis aus. Allein schon diese Aufsätze machen den Band zur Pflichtlektüre für alle, die Couleur tragen. Professor Hermann Rink steuert eine angesichts dessen sehr wichtige Anregung bei: Korporationen versteht er als ein Netzwerk unter Netzwerken, und er gibt Beispiele für deren sinnvolle Nutzung.

Dem Herausgeber Ralf Prescher können eine große Energieleistung ebenso wie ein gelungenes Lektorat bescheinigt werden, dem Akadpress-Verlag die einwandfreie und hochwertige Umsetzung, die dies Buches verdient hat. Abgerundet wird das Themenfeld des handwerklich ansprechenden, fest eingebundenen, 315 Seiten starken Bandes übrigens durch Blicke über Mitteleuropa hinaus – ins Baltikum, nach Osteuropa und in die USA. Das Mensurfechten wird gesondert bedacht. In der Gesamtschau kann dem gesamten Band durchgängig eine hohe Qualität bescheinigt werden, wobei allerdings die wichtigeren und treffenderen Beiträge eher am Anfang zu finden sind. Eine besondere Erwähnung verdient indes der aus dieser Reihung herausragende Aufsatz über die illegalen, weil vom SED-Unrechtsregime verbotenen Verbindungen in der ehemaligen DDR. Höchst staunens- und lesenswert, was sich lange vor 1989 an DDR-Universitäten und rund um die Rudelsburg zutrug!

So lautet das Fazit: Ein respektabler Band dokumentiert eine bemerkenswerte Vorlesungsreihe. Interessierten – übrigens auch in der Materie Kundigen – kann „Füxe, Kneipen und Couleur“ nur wärmstens empfohlen werden.