Ein kleines Kreisau in Norddeutschland

By | 18. August 2018

Der Fichtenhof bei Bremen war ein wichtiges Zentrum für die Widerstandskämpfer gegen Hitler. Wilhelm Roloff wohnte hier, sein engster Mitarbeiter war Eduard Brücklmeier. Und viele Namen, die aus den Verschwörungen gut bekannt sind, finden sich auch hier. Oster, Canaris, Beck, Goerdeler: die Liste ist lang und prominent.

Der Fichtenhof und seine prominentesten Bewohner, Wilhelm und Alexandra Roloff

Geht es um ein Haus? Ja, auch, zuerst aber geht es um Menschen. Um Schicksale, die berühren. Der Fichtenhof war, und das ist die wirklich wichtige Erkenntnis, ein wichtiger Treffpunkt des Widerstands gegen Hitler. Den Forschungen von Heinrich Lohmann ist diese langvergessene Erkenntnis zu verdanken. Wäre es übertrieben, den Fichtenhof in Bremen-Schönebeck, gelegen vor den Toren der ruhmreichen Hanse- und Hafenstadt, als ein „kleines Kreisau in Norddeutschland“ zu bezeichnen? Erbaut wurde der Hof, der nie der Landwirtschaft diente, als ländliches Domizil für einen prominenten Mediziner, Dr. Otto Schmidt.

Wilhelm Roloff und seine Frau Alexandra, geborene v. Alvensleben, zogen 1934 ein, zur Miete, die Hochzeit folgte im Mai. Schon bald gingen Widerstandkämpfer wie Generaloberst Ludwig Beck, Generalmajor Hans Oster und Carl-Friedrich Goerdeler ein und aus. Im Jahre 1938 erwarb Roloff, der als Industriekapitän gelten konnte, den Fichtenhof. und im Frühjahr 1940 schenkte er ihn seiner Frau. Er war Firmenlenker und Manager, er gehörte dem dezidiert konservativen Kreis um Werner v. Alvensleben an – als dessen Schwiegersohn.

Der Mitverschwörer des 20. Juli – unerkannt

Es kann dabei manchem Lokalhistoriker in Bremen die unangenehme Frage nicht erspart bleiben, wie es kommen konnte, dass dieses Kapitel der Landesgeschichte vor den Forschungen von Heinrich Lohmann, der diese kürzlich publizierte, unerkannt bleiben konnte. Wurde vielleicht einseitig nach linken, gewerkschaftlichen und kommunistischen Menschen im Widerstand geforscht? Wurden die bürgerlich-konservativen Kreise dagegen ausgeblendet? Jedenfalls blieb ein Mitverschwörer des 20. Juli unerkannt – denn das war Wilhelm Roloff. Er war nicht nur Gastgeber für viele Widerstandskämpfer, sondern er bot dem von der SS verfolgten Eduard Brücklmeier, dem die Einberufung zu einem Todeskommando an der Ostfront drohte, einen Posten in seiner Firma, der „Nordsee“. Das rettete Brücklmeier zunächst, später sollte er in Berlin-Plötzensee gehenkt werden.

1944 erklärte sich Roloff sich gegenüber den führenden Köpfen des Kreisauer Kreises bereit, in einem Deutschland nach Hitler eine führende Rolle im Ernährungsministerium einzunehmen. Packend schildert Lohmann nun, wie Roloff nach dem gescheiterten Stauffenberg-Attentat verhaftet und gefoltert wurde. Doch er erhielt Hilfe. Wichtig war Charlotte Pommer, wichtiger war jedoch seine Frau. „Lexi“ schmuggelte sich selbst in Gestapo-Verhöre ein, beeinflusste deren Verlauf und rettete ihrem Mann letzlich mutmaßlich das Leben. Mit einer Vielzahl von Details gewinnt das Lohmann-Buch in diesem Kapitel die Qualität eines Krimis. Doch es ist die Realität, die der Autor schildert.

Ein „kleines Kreisau“?

Wurde Roloffs kompromissloser Widerstand gegen Hitler in Bremen übergangen? Wurde der gesamte Clan der Alvenslebens, denn von Roloffs Schwiegervater, Werner v. Alvensleben ging die Fundamentalkritik an Hitler aus, ebenfalls übersehen oder gar bewusst übergangen? Ob dies vielleicht, wenn dem so war, am politischen Gesamtklima im Bundesland Bremen lag? Viel zu lange jedenfalls waren der Fichtenhof und der dort agierende konservative Widerstand unbekannt und vergessen. Dem Autor dieses Buches und auch dem Verlag Edition Falkenberg gebührt in jedem Fall großer Dank!

Roloff ist nun als Mann des Widerstands erkannt. Und stark sind die Anmutungen an das „Berghaus“, das zum Beritt des Moltke-Gutes Kreisau in Niederschlesien gehörte. Zweifelsohne waren die Planungen des Kreisauer Kreises weit konkreter, weit größer angelegt, aber es geht um den Geist, aus dem heraus gehandelt wurde. Dieser Geist ist weit wichtiger als ein mögliches Ergebnis, das ohnehin von der Verfolgung durch das mörderische Nazi-Regime bestimmt wurde. Der Fichtenhof also als „kleines Kreisau“? Vielleicht. Den Historiker Gerd Wöbbeking zitiert Lohmann zum Leben Roloffs jedenfalls wie folgt: „In jedem Falle ist sein Leben glanzvoll und tragisch zugleich. Er hat sich mutiger als viele, gerade viele Manager, gegen Nazi-Deutschland positioniert.“ Das hat Wöbbeking dem Autor im Mai 2015 geschrieben.

Späte Ehrung in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Erst 2014 wurde Roloff von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand geehrt und wahrgenommen. Es gibt damit vom studentengeschichtlichen Standpunkt her einen weiteren Burschenschafter, der dem Widerstand zuzurechnen ist, denn Roloff gehörte der 1877 gegründeten Burschenschaft Derendingia Tübingen an. Diese Verbindung war nicht als Burschenschaft gegründet worden und pflegte auch zu der Zeit, als er dort aktiv war, ein liberales und offenes Weltbild. Gefochten wurde jedoch damals eifrig, was man Roloff auch zeitlebens ansah. Heute ist die Tübinger Derendingia – immer noch einem liberalen Weltbild verpflichtet – nicht mehr mensurbeflissen.

Die Ereignisse rund um den Untergang des Jahres 1945 brachten es mit sich, dass die Familie des als Widerstandskämpfer hingerichteten Grafen Lehndorff im Fichtenhof Zuflucht fand. Doch nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes löste sich die Hausgemeinschaft des Fichtenhofes Stück für Stück auf. Lohmann beschreibt diesen Niedergang nüchtern und gut nachvollziehbar. Wilhelm Roloff übersiedelte nach Äthiopien, in die Schweiz und schließlich nach Kanada, seine inzwischen geschiedene Ehefrau Alexandra verkaufte den Fichtenhof im Herbst 1949 an die Stadt Bremen, die dort ein Kinderheim einrichtete, aus dem inzwischen eine größere soziale Einrichtung geworden ist. Einerseits ist dies eine tröstliche Entwicklung – andererseits ist es ein kleines Sinnbild dafür, wie der Glanz Europas mit der Katastrophe des Nationalsozialismus unterging. Das kleine Kreisau im Norden verlor die Bedeutung, die ihm in den Zeiten der Diktatur zugewachsen war. Gut, dass Heinrich Lohmann, der couragierte und mutige Lokalhistoriker, dieses Kapitel des konservativ-bürgerlichen Widerstand gegen Hitler gegen die bremischen Zeitläufte wieder ans Licht gebracht hat!

Heinrich Lohmann, Der Bremer Fichtenhof und seine Bewohner / Ein wenig bekanntes Kapitel aus dem deutschen Widerstand, Edition Falkenberg, Bremen 2018, 311 Seiten, broschiert, 24,90 Euro.