Autobiographie eines Bonner Preußen

By | 9. September 2016

Wer in einem Buch die Kapitelüberschrift „Corps Borussia und die SPD“ liest, mag zunächst staunen. Die Erinnerungen des Bonner Preußen Thilo von Trotha, aktiv in den Jahren 1963 und 1964, später Redenschreiber für Bundeskanzler Helmut Schmidt, lohnen sich auch für Corpsstudenten außerhalb des Weißen Kreises.

Lebenserinnerungen können lehrreich und unterhaltsam sein. Und im hier vorliegenden Buch wird der Leser nicht enttäuscht – dies vorweg. Erinnerungen zu finden, in denen die Studentenzeit ihre gebührende Rolle findet, ist jedoch ein Kunststück. Zumal, wenn es um die corpsstudentische Ausprägung geht. Und so wird hier die Lektüre doppelt belohnt. Trotha erläutert, um ein Beispiel dafür zu nennen, den Ablauf einer Kneipe detailliert. Hier wird manches eher Interne aufgefacht, aber liebevoll, diskret und nie abfällig. Die genaue Beschreibung, wie ein Bierjunge stattfand, sollten Aktive lesen und wiederbeleben: In den letzten Jahren ging offenbar bei manchen Corps das Gedächtnis über dessen Ablauf, die Kunst dabei und den Spaß daran, gründlich verloren.


Aus (mindestens) drei Gründen lohnt die Lektüre des Buches für Kösener und andere Korporierte – die Abläufe von Bierjungen, Kneipen und auch der (seiner) Mensur; die Einsicht, wie jemand politische Arbeit in SPD und Bundeskanzleramt mit einer herzlichen Liebe zum Corps verbinden kann; und darüber hinaus locker und unprätentiös geschriebene Einblicke in die Wirrungen eines Flüchtlingskindes aus der Zone, der im Herzen der Bundespolitik landete. Zudem Einsichten zum Umgang der Elterngeneration mit der Vergangenheit „Die Jungen erkannten schockiert, wie bedenkenlos die Eltern die zwölf Jahre der Nazi-Tyrannei abgeschüttelt hatten, wie sie gleich Badegästen aus dem Wasser der Vergangenheit gestiegen waren, sich abgetrocknet und erlesene Sonnenschutzmittel aufgelegt hatten.“

Ähnliche wortstarke Einsichten bietet Trotha selbst zum Bierjungen: Der Unparteiische habe beim „Kaisercorps“ zum Abschluss „per Handschlag immer dem Unterlegenen als dem „zweiten Sieger“ gratuliert. Der oder die Sieger gingen stolz, aber ohne Handschlag vom Platz. Ich habe den Brauch, den Verlierer ohne Hohn und Häme zu beglückwünschen, als eine der liebenswürdigsten Züge des Corps in Erinnerung.“ Seine Bonner Beobachtung stimmt indes nicht für alle Biercomments – anderswo trinkt der Unparteiische oft auf den zweiten Biersieger „nicht ohne zuvor auf das Wohl des ersten Biersiegers getrunken zu haben“.

Statt Umschreibungen hier besser Zitate, mit denen Thilo von Trotha begründet, warum ihm das Corps nahe ist – mit Sätzen, die wohl die meisten teilen, die aber nicht jeder so zu formulieren vermag wie Trotha, der 76 Jahre alte Gründer und Ehrenpräsident des Verbandes der Redenschreiber deutscher Sprache. Er habe sich eins gefühlt mit seiner Umgebung in „dem Geflecht von Geradheit, auch wenn sie oft roh war, von Zuverlässigkeit, oft als Gehorsam karikiert, und von trotz aller kleinen Intrigen wunderbaren Lauterkeit des corpsbrüderlichen Umgangs“. Im Fuchsendasein, der Mensur, dem von ihm eigentlich ungeliebten Biertrinken findet und beschreibt er das Positive – selbst an die Quadrille mit „ihrem herrlich Überflüssigen“ erinnert sich der Autor mit erkennbarer Freude und Dankbarkeit: „Das bot das Corps zu lernen an, Dingen außerhalb der eigenen Person Wert beizumessen und sich zugleich selbst nicht allzu wichtig zu nehmen.“ So wurde das Corps für Trotha „zum unendlich wertvollen Geschenk“. Und das Buch zum Geschenk an Corpsstudenten innerhalb des Weißen Kreises und darüber hinaus, zumal die meisten anderen Erinnerungen von Kösenern oft im Selbstverlag erschienen; und kaum eine von diesen so detailliert die Rituale und Begründungen des Corpslebens offenlegt.

Robert v. Lucius, Saxo-Borussia, Borussia Bonn idC

Thilo von Trotha, „Pioniere reiten los. Ein Leben in zwei Deutschland“, Lau Verlag, Reinbek 2016, 260 S., geb., 22,90 €